Wen juckt`s

Ein Dieb, der das Sparschwein vom Schrank klaute, ein Kürbis der auf derselbe Stelle verrottete, Wände, die zu meinem Zuhause wurden… Der Müll quillt aus den Abfallcontainern im Hof, weil die Müllabfuhr zwischen den Jahren pausiert. Ich sitze am Schreibtisch und warte auf den Weltuntergang. Oder ich vergammele wie der abgelegte Kürbis. Mein Gott, das Leben mit seinem ewigen Juckreiz – bin ich nach einem halben Jahrhundert bereits abgestumpft? Die DPD wird mir heute oder morgen neue Farben liefern. In zwei Tagen ist Silvester. Statt 2016 schreiben wir dann 2017. Dieses Ereignis wird mit großem Feuerwerkskrach begrüßt. Man fühlt sich dann wie im Krieg – besser nur mit einem Vollvisierhelm rausgehen. Ich besitze keinen und werde zuhause bleiben. Nein, ich übertreibe nicht. Mein zweites Jahr in Berlin. Ich mag die Stadt, obwohl sie voller Knallköpfe ist. Da bekommt man wenigstens eine Ahnung davon, warum so viel Scheiße passiert. Berlin ist einigermaßen authentisch. Berlin ist wie meine Malpalette, auf der ich die Farben mische. Ich treffe auf Spießer, die überhaupt nicht spießig aussehen, und ich begegne denen, die von ihrem Erscheinungsbild her Spießer sein sollten, aber keine sind. Ganz zu schweigen von all den anderen. Es mischt sich alles zu einem irren Durcheinander, das trotzdem irgendwie funktioniert. Womöglich fehlt mir aber nur der Durchblick. Ich stellte schon immer zu viele Fragen, weil ich die Dinge nicht einfach als gegeben hinnehme. Nichts änderte sich in den gut fünfzig Jahren, die ich lebe, außer dass es immer mehr Menschen und Mist gibt. Wir vermehren uns wie die Ratten und benehmen uns genauso.
Sagte ich vorhin, dass ich auf den Weltuntergang warte? Das ist freilich Blödsinn. Ich warte auf neue Farben. Ich warte auf die Rückkehr meines Lieblings…

Fischig

Wir aßen jeden Abend Fisch. Ansonsten ließen wir uns von der Sonne und der Seeluft verwöhnen. Die Ausflüge nach Warnemünde waren ein Sinnesschmaus. Wir brauchten für eine Strecke etwa eine Stunde mit Straßen- und S-Bahn von unserem Rostocker Stützpunkt aus.
Auch ein Bad in der Ostsee war drin. Am zweiten Tag kühlte es allerdings merklich ab, und der Wind frischte auf – wie es sich an der See gehört. Ich liebe es, wenn mir der Wind die Haare zerzaust, und ich liebe das abwechslungsreiche Wolkenbild, die kräftigen Farben und Kontraste bei solcher Witterung.
Für die innere Zerzausung floss reichlich Bier. Das „Rostocker“ ist trinkbar, und ich machte in Warnemünde die hopfenmäßige Neuentdeckung „Marlower“ – gar nicht übel!
Der Fern-Bus Berlin-Rostock fährt zweieinhalb Stunden, wenn kein Stau dazwischenkommt. Keine zu lange Reisezeit, – die Preise per Bus sowieso viel günstiger als mit der Bahn. Selbst einen eintägigen Ausflug an die Ostsee kann sich unter solchen Bedingungen antun, wer Berlin mal kurz entfliehen möchte.
Alles lief glatt. Ein ziemlich fischiger Wochenendtrip, der sicher irgendwann seine Wiederholung finden wird.
PS: Auch der Rostocker Doppelkümmel sollte hier erwähnt werden, den wir uns zum Abschluss jeden Essens gönnten. Sehr passend!

Gute Aussichten – ein Wochenende in Rostock

Noch mal an die schöne Ostsee, bevor der Herbst Einzug hält und (berufliche) Verpflichtungen rufen. Wahrscheinlich werde ich ab November in eine dreimonatige Fortbildung Tumordokumentation gehen. Der erste Kontakt zur Schule lief sehr positiv. Die Leiterin will sich für mich einsetzten, damit ich danach in einem Berliner Krankenhaus eine passende Anstellung kriege. Ohne Zusicherung blecht die Rentenversicherung nicht.
Wir kommen in den Genuss von Lawes Gastfreundschaft, die uns in Rostock ihre Wohnung überlässt, solange sie auf Mallorca ist. Ich bin ihr sehr dankbar für das Vertrauen, welches sie uns gegenüberbringt.
Nun heißt es zum wiederholten Male diesen Sommer Klamotten zusammenpacken, ein paar Dosen Bier als Reiseproviant besorgen, und es kann losgehen. 15 Uhr fährt der Fern-Bus vom ZOB.

Berlin – Usedom

Gut, dass ich die letzte Urlaubswoche nicht zuhause abhing, sondern mich aufs gute alte Fahrrad schwang und nach Usedom fuhr. Zumal der Sommer noch mal aufdrehte. Dreihundert Kilometer auf meist guten Wegen, selten Autostraße. Erst an der Ostsee und auf Usedom wurde die Strecke mies: jede Menge Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher, Panzerplatten, Feldwege… Gott sei Dank hielten mein Drahtesel und meine Knochen durch. Die Fahrt war anstrengend (ich hatte ein zeitliches Limit), aber ich war nicht überfordert. Dienstagmittag fuhr ich los, und Freitagmittag wollte ich mich mit O., die mit dem Fernbus anreiste, in Bansin treffen.
Da ich mit Zelt unterwegs war, visierte ich Campingplätze an, die leider rar gesät sind. Gerne hätte ich am zweiten Tag noch mehr Kilometer abgespult aber stellte in Prenzlau am frühen Nachmittag mein Zelt auf, weil es bis Ueckermünde die letzte Möglichkeit war.
Am besten radelte es sich durchs Biosphären-Reservat Schorfheide Chorin: gute Wege, wunderbare Landschaft, viele Seen und Haltepunkte zur Erfrischung von Leib und Seele. Hinter Prenzlau wird der Charakter der Landschaft vor allem von Landwirtschaft geprägt. Weiter hin zur Ostsee, entlang der Uecker, kam ich durch große Waldgebiete (Fichten- und Mischwald), militärische Sperrbezirke. Diese Strecke brachte ich schnell hinter mich, weil sie eben war und an einer Autostraße verlief, wo es keine guten Rastmöglichkeiten gab. Ansonsten ist die Topografie Pommerns hügelig – man muss einige Steigungen bewältigen.
Ruck zuck erreichte ich Ueckermünde in der Mittagshitze des dritten Tages. Nach einer hopfenhaltigen Erfrischung auf dem Marktplatz ging es weiter durchs Stettiner Haff… Ich sparte mir den Schlenker über Anklam und setzte mit einer kleinen Fähre bei Kamp über nach Usedom. So weit so gut. Nur Campingplätze gab es keine in unmittelbarer Nähe. Ich spürte nun doch die Erschöpfung, – hinzu kamen die schlechten Wege auf Usedom, die ein zügiges Vorankommen nicht zuließen. Schweren Herzens entschied ich mich für eine Hotelübernachtung. Doch das hatte ich mir zu leicht vorgestellt. In der Inselhauptstadt Usedom wurde ich von Pontius zu Pilatus geschickt, und erhielt stets die Auskunft: „Tut mir leid, alles belegt.“ Schließlich fand ich in dem schönen Örtchen Stolpe ein Zimmer, d.h. eine ausgebaute Dachkammer, heiß wie in der Sauna…
Aber ich hatte TV, und es kühlte langsam ab. Nachdem ich „Zorn – Tod und Regen“ geguckt und einige Stechmücken erfolgreich platt gemacht hatte, schlief ich selig ein.
Die Fahrt nach Bansin am nächsten Morgen war ein Katzensprung (lütte 30 Kilometer). Bereits 10 Uhr saß ich auf einer Bank an der Strandpromenade, unser Hotel im Blick, und wartete auf O.s Ankunft. Vor uns lag ein wunderschönes Wochenende mit viel Sonne, Meer, Bier und gutem Essen.

Nur kurz

Heute Morgen tauchte sie auf. Frau Freiheit, die Echte, ungeschminkte. Ich erkannte sie gleich wieder. Sie gibt einem das Gefühl, dass das Leben herrlich ist, als wäre man von jeder Last befreit. Prima, dachte ich, denn ich hatte sie schmerzlich vermisst.
Ich landete in einer Berliner Regennacht. Flughafen Schönefeld. Von der heißen Badewanne Zypern unter die laue Dusche Berlin. In S- und U-Bahn das ganz normale Horrorkabinett. Na ja, auch an den Stränden Zyperns (wie an allen Stränden der Welt) sah ich gewisse Gestalten. Der Horror hat viele Gesichter.
Es war heiß auf Zypern. Sehr heiß. Ich kam aus dem Schwitzen gar nicht heraus. Alles klebte. Die Luft salzig. Einzig wohltuend das Bad im herrlich blauen Meer.
Wir unternahmen einige Ausflüge in die Umgebung. Strandlieger bin ich nicht. Freilich ist das Meer die größte Attraktion. Das Meer, die Sonne und… der Linksverkehr. Ich musste beim Queren der Straßen verdammt aufpassen. Plötzlich kommen die Autos von rechts. Und anfangs suchte ich die Bushaltestelle auf der falschen Straßenseite. Dazu die Hitze und ein paar Bier in der hohlen Rübe. Perfekt.
Das Hotel war ganz okay. Keine Bettenburg. Mittelklasse. Alles Normalos. Vor allem Russen, Tschechen, Griechen und Engländer. Deutsch hörte ich weniger. Viele vom Dienstpersonal verstanden jedoch etwas Deutsch, und mit Englisch konnte man sich sowieso überall verständigen.
Ich las viel. Vom Balkon meines Zimmers blickte ich auf eine Ecke Meer und eine kleine Kirche, die mitten in der Pampa stand, und sich noch im Bau befand. Das Dach fehlte. Ich fand ihren Anblick faszinierend, ohne zu wissen warum. Ganz oben auf dem wackelig anmutenden Baugerüst stand ein Galgen mit einem Flaschenzug. Ein guter Ort, um sich aufzuhängen. In der Morgendämmerung würde es hinreißend aussehen. Die Baustelle ruhte. Fünfzig Meter vom Meer im staubigen Niemandsland.
Die Woche verging im Eiltempo. Wie bei fast allen Urlauben lief ich mir Blasen. Wir waren den ganzen Tag draußen. Bis ins Zentrum waren es drei Kilometer Fußweg. Bei vierzig Grad im Schatten kein großer Spaß. Drum pausierten wir ziemlich häufig auf den schattigen Terrassen der Bars und Cafés…
Und weil ich davon nicht genug habe, radle ich morgen von Berlin nach Usedom. Noch eine gute Woche Urlaub. Dann nochmal zur Schule, um das Zeugnis für meine Fortbildung abzuholen. Schließlich die bittere Pille Agentur für Arbeit. Hoffentlich guckt Frau Freiheit fortan öfter bei mir rein. Das Leben ist scheußlich ohne ihre Besuche.
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Abflug!

Wenn ich nur mehr Geschäftssinn hätte… Ein Thema, dass ich bald mal für mich erörtern muss.
Heute aber steht was Anderes auf dem Programm. Abflug nach Zypern! Eine Woche gnadenlos Sonne, Meer und Strand! Langsam stellt sich etwas Reisefieber ein. Ich spüre die Anspannung, flitze immer wieder zur Reisetasche, überlege, ob ich alles dabeihabe und sehe mich schon im Geiste abheben…
Wenn ich erstmal in der Maschine sitze, verlässt mich seltsamerweise alle Furcht. Es ist so ähnlich, wie es bei meiner Arbeit als Altenpfleger war. Ich machte mir immer einen Kopf im Vorfeld, aber sobald ich durch die Tür war, keine Spur mehr von Unsicherheit oder Angst. Bisher überlebte ich alles. Eben. Wenn`s passiert, passiert`s. Ich bin doch kein Hasenfuß! Außerdem sind Flugzeuge das sicherste Verkehrsmittel.
Aber Zypern klingt irgendwie gefährlich, oder nicht? Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich noch dunkel an die Zeit erinnere, als der Zypernkonflikt durch die Medien gehechelt wurde. Es ist aber auch der Wortlaut. Zypern klingt nach Schlangen – Vipern oder so. Was einem nicht alles für ein Quatsch durch den Kopf geht. Tz, Tz.
Nun denn, allen Lesern und Bloggern eine schöne Zeit, wo auch immer Ihr seid. Mal sehen, was der August noch hergibt.