Zum Winterzauber reicht es nicht

Myriaden winziger Schneeflocken tanzen gen Boden. Die Blätter der Stadtbäume, die auf dem Pflaster darniederliegen wie verzuckert. Inseln des schmutziggrauen Pflasters sind weiß. Auch auf dem kalten Blech der parkenden Autos sammelt sich etwas Schnee. Das harte Realitätsgemälde verliert an Kontur, aber nur leicht. Zum Winterzauber reicht es nicht.
Die Fenster geschlossen vor dem unwirtlichen Draußen, die Augen offen vor dem Bildschirm des Computers suche ich nach Verknüpfungen. Der Schlaf ist noch nicht lange her, das Dunkel noch nicht lange dem Tageslicht gewichen. Ein diffuses Licht füllt den Stadtraum. Die Quelle versteckt sich am Himmel hinter einer Gardine aus Wolken und Dunst. Die Stadt schrumpft zur Spielzeuglandschaft. Über den Dächern taucht ein riesenhaftes Kindergesicht auf und blickt mit staunenden Kulleraugen auf uns herab.

Hand in Hand gehen Vater und Sohn durch eine Ausstellung von Miniaturwelten.
„Papa, er hat mich angeschaut“, sagt der kleine Mann. 
„Wer?“ fragt der Vater stirnrunzelnd.
„Ein Mann in einem Haus.“
„Das sind nur Figuren.“
Der kleine Mann macht einen Ausfallschritt nach vorne und ruft: „Aber es war wie echt! Echt wie echt!“
Der Vater lacht.

22 Gedanken zu “Zum Winterzauber reicht es nicht

      • okay. danke. ich merke aber schon, dass der materialismus in den antworten mitschwingt. was auch ganz normal in einer materialistischen welt ist.
        mit meinen gedichten, prosagedichten oder meiner poetischen kurzprosa will ich allerdings den materialistischen absolutismus aufsprengen… und das, seit ich lebe und schreibe.

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      • Materialistische Gedanken hatte ich beim Lesen keine. Mich berührte der kindlich-emotionale Blickwinkel, diese einzigartige grenzenlose Phantasie, die nur Kinder haben, und die im Lauf des Erwachsenwerdens meist nachlässt.

        Gefällt 2 Personen

      • hm. was das staunen über das universum und das eigene dasein angeht, werde ich immer ein kind bleiben. das macht meine kunst aus – und vielleicht auch die kunst anderer menschen.
        was heißt erwachsensein? warum ist es erstrebenswert?

        Gefällt 1 Person

      • Ich finde das Erwachsenwerden und -sein nicht erstrebenswert. Als Teenager dachte ich allerdings noch, dass es geil sein müsse, endlich „erwachsen“ bzw. volljährig zu sein, weil mir dann keiner mehr sagen könne, was ich zu tun und zu lassen hätte. Pustekuchen. Als ich mit 21 mein Studium startete, wurde mir bewusst, wie viele Kompromisse als (vom Alter her) vermeintlich Erwachsene ich eingehen musste. Besonders im Berufsleben nerven mich diese auferlegten Kompromisse auch heute noch, aber ohne diese funktioniert unsere Gesellschaft leider nicht.

        Gefällt 4 Personen

      • mit den wölfen zu heulen ist wahrscheinlich das einfachste.
        es gibt bestimmt viele verbrecher, die relativ konsequenzlos alt werden. andererseit gibt es viele freihheitskämpfer und kämpfer für die gerechtigkeit, die für ihr gutes ansinnen erhebliche repressalien in kauf nehmen oder gar mit ihrem leben bezahlen.
        „the survival of the fittest“ mag eine art naturgesetzt sein. aber als mensch lehne ich dieses prinzip ab.

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