Der Optimist

Dem Optimisten ging es immer gut. Er war eine Frohnatur. Jeder befand sich gern in seiner Gesellschaft. Er war beliebt. Man musste ihn einfach mögen. Alle auftretenden Probleme und Bedenken wischte er vom Tisch wie nichts. Er brauchte dafür keine Argumente. Seine positive Ausstrahlung und sein Lachen überzeugten jeden, der mit im Raum war… (Selbst mich als geborenen Skeptiker.) Der Optimist haute mich um wie ein schöner Sonnenaufgang nach einer durchzechten Nacht. Er verbreitete eine Atmosphäre, die alle negativen Gedanken wegblies. Ich wäre gern wie er gewesen. Ich war neidisch auf seine Beliebtheit und seinen Erfolg (bei Frauen). Ihm schien alles zu glücken. Aber arrogant wirkte er nie. Auch auf Drogen war er nicht, so weit ich das beurteilen konnte.
Wir verbrachten eine schöne Zeit zusammen. Alle zehrten von dem Optimismus, den er ausstrahlte. War er einmal nicht unter uns, wurden wir traurig. Wir wussten nichts mit uns anzufangen. „Wäre er jetzt nur da“, seufzte der ein oder andere.
Eines Tages kam er gar nicht mehr. Wir konnten es nicht glauben: Der Optimist hatte sich auf dem Dachstuhl seines Elternhauses erhängt. Unsere Clique löste sich auf. Bis heute verstehe ich nicht, was mit dem Optimisten passiert war. Was war uns entgangen?

   

20 Gedanken zu “Der Optimist

    • du meinst: auch menschen, die nach außen hin den optimisten und die frohnatur machen, können hochgradig depressiv sein. da stimme ich dir zu.
      als skeptiker hätte ich es wissen müssen. alle einseitigen/übertriebenen/realitätsabgewandten verhaltensformen oder gesinnungen sollten einen stutzig machen. es ist dabei erstaunlich, wie überzeugend manche menschen in den rollen sein können, die sie nach außen vorgeben.

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      • Ich spreche aus Erfahrung.
        Auch wenn ich nicht depressiv bin.
        Meine schwarze Seele äußere ich meist nur in der Lyrik.
        Aber in meinem Arbeitsumfeld gibt es einen depressiven Menschen der Medikamentös eingestellt ist. Außenstehende sehen diese Erkrankung nicht.

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      • nicht jeder, der von einer schwerwiegenden depression betroffen ist, ist sich dessen bewusst – bzw. will es wahrhaben (wegen der gesellschaftlichen stigmatisierung). meine mutter wehrte sich jahrzehnte gegen diese diagnose.
        ich selbst finde diese diagnose problematisch… lediglich tatsächlich endogene depressionen sollten dauerhaft medikamentös behandelt werden. zuvor muss aber eine diagnostik stattgefunden haben, die keinen spielraum mehr für zweifel erlaubt.

        es ist schwer über depressionen offen zu reden. man könnte vermuten, dass ich depressiv bin, wenn man meine texte und gedichte liest. aber ich kann dir/euch versichern, dass ich in mir ruhe – gerade weil ich meine nöte, ängste und depressionen nicht unter den teppich kehre.

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      • wem sagst du das.
        mein zweiter freund früher galt als hallodri, immer fröhlich und gut drauf, wenn er die studentenkneipe betrat, gab es ein großes begrüßungsgebrüll, darin sonnte er sich…daheim war er äußerst empfindlich, das rohe ei, er konnte auch bedrohen und zuschlagen. am ende schaffte ich es, ihm zu entwischen, als er mir eine flasche auf den kopf hauen wollte. bin zu meiner freundin. er verwüstete die gemeinsame wohnung und tötete sich. der große charmeur. lange her und trotzdem…

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      • wow. das sind erlebnisse, die man erstmal verdauen muss. danke für deine antwort.
        auch ich bin ambivalent in meinen äußerungen, einstellungen und handlungen. ehrlichkeit ist für mich das beste mittel, damit ich… friedlich bleibe, selbst wenn ich total wütend bin. ich verbalisiere aber meine wut schon ab und zu. das muss sein. niemals aber, um einen mitmenschen nieder zu machen. vor mir muss niemand angst haben… echt nicht.
        ich hatte mal eine freundin, auch schon lange her, die mich regelmäßig verbal runtermachte, mich anschrie – auf eine weise, wie ich es nie machen würde. ich floh dann in die kneipe. und am nächsten tag war sie wieder lieb, als wäre nichts passiert. nach einigen ihrer ausraster hatte ich die schnauze voll… ein jahr hielt ich es aus. ich war verliebt.
        ähnliches erlebte ich mit meinen eltern… mein vater rastete aus und verprügelte uns kinder, und danach war alles wieder schön. ich mag diesen kranken scheiß nicht mehr in meinem leben.

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    • ich gebe zu, dass ich hier eine geschichte schrieb, die im großen und ganzen erfunden ist. ich erlebte allerdings ähnliche vorkommnisse. es geht mir ums hinschauen. wir lassen uns zu leicht täuschen. wir wollen uns täuschen lassen. kritisches nachfragen ist anstrengend und verdirbt einem zudem die laune.

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    • hm, danke für den link. in meinem text ging ich noch weiter: die täuschung war perfekt… ich wollte auf den oberflächlichen optimusmus abheben, der in unserer materialistischen gesellschaft methode ist. niemand traut sich, sich mit seinen wahren gefühlen zu outen – nur, wenn sie gerade in den zeitgeist passen, wie z.b. beim jetzigen gender-wahnsinn. wir denken, dass wir uns geistig weiterentwickeln… aber ich sehe eher eine emotional/seelischer rückentwicklung… seit jahrzehnten. das macht sich auch an in literatur, musik und kunst bemerkbar.
      okay, das ist nur meine beschränkte sichtweise. und darüber schreibe ich.

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      • hmmm… dieses Oberflächliche ist vielleicht auch ein wenig (vor allem internetmäßig) der „Vielheit“ geschuldet, so denke ich, der Masse, wo man überall „punkten“, sich präsentieren will, man möchte überall, bei jedermann präsent sein und ist eigentlich nie wirklich „DA“, für niemanden, huscht nur vorbei like like like like. Oft, ist man viel zu sehr von sich selbst vereinnahmt, mit sich selbst beschäftigt, nimmt den anderen gar nicht richtig wahr, hört und sieht ihn gar nicht wirklich … auch im privaten Bereich, oftmals findet da gar keine Interaktion statt.

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      • hmmmmmmmmmmmmmmmm… war zuerst die henne oder das ei?
        also ich lebe schon lange genug, um auch eine zeit ohne internet und sozial-media zu kennen. die welt war damals bereits materialistisch und oberflächlich aufgestellt. die 68er hielten nicht allzu lange vor. da kamen noch die grüne- und die friedensbewegung im kalten krieg. in den 90ern ließ alles nach. alles wurde der sogenannten realpolitik untergeordnet.
        die menschen sind heute nicht besser oder schlechter als die menschen in früheren zeiten. es gibt solche und solche. die einen vergessen schnell, und die anderen wollen nicht vergessen. nichts anderes spiegelt sich im internet wider. die kritischen geister blieben schon immer auf der strecke. oder hatten es ziemlich schwer.
        diese welt war noch nie meine welt. ich sah vieles voraus. aber dafür kann ich mir nichts kaufen… lach!

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      • so viel freiheit habe ich leider nicht, dass ich mir die welt zusammenmalen kann, wie sie mir vorschwebt. da mischen doch noch andere mit.
        ich würde sagen: jeder ist sein eigener sprücheklopfer.

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  1. Naja, dass Optimisten sich erhängen ist ein bekannter literarischer Topos wie auch der Clown, der Szuzid begeht. Man liebt und benötigt diese Gegensätze, von denen ein Text lebt. Außerdem sind solche Vorstellungen die Rache der Pessimisten, weil sie keiner liebt.
    Alles Gute
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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      • Uns interessiert diese Seite an Texten überhaupt nicht. Diese Psychologisierung (meist von Laien) halten wir für Selbstaussagen, aber sie haben nichts mit dem Text zu tun. ‚Herz‘ ist eine undefinierbare Größe, mit der man alles und somit nichts erklären kann.
        Herz 😉 liche Grüße
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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      • wer ist „uns“?
        herz und seele werden hoffentlich undefinierbare größen bleiben. vor menschen, die alles in der hauptsache technokratisch/materialistisch sehen, habe ich angst…
        wie schreiben die gedichte? wie malen die bilder? wie empfinden solche menschen liebe?
        okay, als ein herzens-mensch will ich meine mitmenschen nicht verurteilen, egal, wie schräg sie drauf sind.
        was heißt eigentlich psychologisierung durch laien?? da dürften ja nur noch studierte psychologen über gefühle reden, gedichte und prosa schreiben…

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