Ich bin zu alt für den Scheiß

Wie hypnotisiert starre ich auf die Sanduhr. Der Sand füllt nach und nach das untere Glas. Längst ist unten mehr als oben.
Ich kotze meine Seele in die Kloschüssel und spüle den Scheiß weg.

Vorgestern standen eine junge Frau und ein junger Mann in dunkelblauen Jacken von Gasag vor meiner Wohnungstür. Äußerst wichtigtuerisch. Sie wollten meine Stromrechnung einsehen. Die Frau laberte sofort auf mich ein. Ich stand in Unterhosen im Türspalt und starrte sie an. Gingen die Zeugen Jehovas unter die Stromanbieter?
„Sie haben wohl nicht verstanden, worum es geht?“ sagte die Frau mit ernster Miene, „die Strompreise werden immens ansteigen.“
„Klar, davon habe ich gehört“, sagte ich müde.
„Wir wollen anhand ihrer Rechnung prüfen, wo Sie zu viel bezahlen.“
„Sie wollen, dass ich zu Ihrem Verein wechsele. Aber ich bin schon groß – ich kümmere mich selbst um solche Angelegenheiten.“

Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Begegnungen und Gesprächen der Sand besonders schnell von der oberen in die untere Hälfte der Sanduhr rieselt. Fremde Menschen und Institutionen mischen sich in Sachen ein, die sie nichts angehen. Es geht niemanden was an, wo ich meinen Strom oder meine Unterhosen kaufe, und wie viel Geld ich dafür ausgebe.

     

17 Gedanken zu “Ich bin zu alt für den Scheiß

    • ich brauchte ein kleines weilchen, bis mir klar wurde, was die wollten. die junge frau war wirklich gut… bestimmt kam sie bei anderen mit ihrer masche durch. der typ stand nur daneben und glotzte blöde. ich schätze, er sollte von ihr lernen.
      aber diese begegnung war nur als beispiel gedacht für viele andere unverschämte übertretungen unserer privatsphäre durch den staat, durch institutionen oder unternehmen.

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      • Die werden wirklich immer dreister und wenn man im Nachhinein drüber nachdenkt was sie sich heraus nehmen, wie sie einen überzeugt überrumpeln kann man entweder lachen oder mit dem Kopf schütteln.
        Am Schlimmsten finde ich wenn sie diese Maschen erfolgreich bei älteren Personen durchziehen.

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      • auch wenn ich weiß, dass es überall betrüger, abzocker und diebe gibt, werde ich mich doch nie daran gewöhnen… ich kann mir einfach menschen, die dabei keine gewissensbisse haben, nicht vorstellen. wie gut schlafen diese typen? unter umständen besser als ich… unsere welt ist schon seltsam.

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      • weiß nicht. ich kenne solche leute nicht… ich meine, sie geben sich mir gegenüber nicht zu erkennen.
        auch ich bin kein engel, aber ich habe nie vorsätzlich (durchdacht/strategisch) meinen mitmenschen schaden zugefügt. ich ließ mich nie zum erfüllungsgehilfen dunkler machenschaften rekrutieren…. natürlich komme ich auch nicht ganz drumherum, als arbeitnehmer und konsument das üble spiel mitzumachen. ich musste mich oft genug verbiegen. aber mein gewissen verlor ich nie.

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      • Manche treibt es aus der Not in solche Berufe.
        Ich könnte es nicht, bin zu ehrlich und mitfühlend.
        Aber wie du richtig schreibst, wir sind alle keine Engel.

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      • ich weiß. aber die beiden gasag-typen sahen mir nicht nach denen aus, die aus not ihren job machten, besonders die frau – die hatte sich rhetorisch vorbereitet. die machte das nicht zum ersten mal. nein. nein. nein.
        ich glaube schon, dass ich aus not zum dieb werden könnte – also z.b. einfach was mitgehen lassen würde, was nicht gesichert ist. aber niemals würde ich einem menschen gegenüberstehen und ihn kalt lächelnd betrügen. ich könnte meinem opfer nicht in die augen schauen. auch in not würde ich es doch lieber mit der ehrlichkeit versuchen…
        vertreter, banker, polizist, soldat und politiker könnte ich darum nie werden. das alles sind berufe, in denen du deinen mitmenschen aufgrund von befehlen oder direktiven leid antun musst.

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      • Man kann sich dort hocharbeiten, wenn man gut ist und die Vorgaben erfüllt.
        Sie werden geschult, quasi abgerichtet wie Hunde.
        Ich kann nicht mal etwas stehlen, da würde ich mir aus Angst in die Hose machen.
        Manche sind zu ehrlich für diese Welt.

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      • nati, ich mag menschen, die ehrlich sind. davon gibt es schon noch einige. allerdings wird denen ständig angst gemacht…
        als ehrlicher mensch kommt man im sinne unserer leistungsgesellschaft zu nichts. man muss sich irgendwie durchwurschteln. ist auch eine glückssache bzw. eine frage der gegenseitigen unterstüztung.
        dass ich zu ehrlich für die welt bin, ist mir länger klar. ich muss halt aufpassen, dass die verbitterung darüber nicht zu groß wird.

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      • und: abgerichtet wie hunde werden wir von geburt an. die einen lassen sich besser abrichten als die anderen. ich gehöre wohl zu denen, die sich nicht so gut abrichten lassen. aber in dem zirkus muss ich trotzdem ausharren. mein ganzes knurren nützt da nichts.
        das einzige, was ich machen kann, mache ich schon. ich sage, was ich denke und nehme die einsamkeit in kauf.

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      • und diese typen, die an den wohnungstüren stehen… sind die kleinsten nummern. es geht weiter über die ausbeutung durch arbeitgeber, konzerne und den staat. die machen das ganze viel geschickter. die menschen küssen ihren ausbeutern die füße. so ist es gewollt. ganze völker werden seit jahrhunderten ausgebeutet oder als schlachtvieh in kriege geschickt.

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