Diesig bis heiter

Berlin liegt unter einer Hochnebelglocke. Das hemmt den Schwung des gestrigen Sonnentages zum Einstieg ins Wochenende. Das Feierabendbier genoss ich vor der Kupferkanne. Seit langem saß ich mal wieder leicht beschwipst in der Sonne mit Kopfhörer auf der Birne. Mir war nicht so sehr nach Unterhaltung. Die Arbeitswoche war kurz, aber emotional anstrengend. Sehr schnell geriet ich zurück in die Unzufriedenheit vor meinem Urlaub. Es musste was passieren. Also bat ich um ein Gespräch mit der Chefin (eine von mehreren Chefinnen). Ich arbeite seit einigen Monaten einfach an zu vielen Baustellen. Da ich normalerweise nicht zu den Mitarbeitern gehöre, die aufbegehren, war sie überrascht und auch angepisst. Sie nannte mich egoistisch. Ich erwiderte, dass ich mich in diesem Falle um mich kümmern müsse – schließlich ginge es um meine Gesundheit. Da ich Nägel mit Köpfen machen wollte, stellte ich zudem einen Antrag auf 75% Teilzeit. Als sie merkte, dass ich fest entschlossen war, nahm sie den Antrag und verließ wortlos das Büro.
Am Mittag kam sie bessergelaunt zurück und eröffnete mir, dass sie mich von der einen Aufgabe, welche mich zurzeit besonders wurmte, abziehen könne. Das freute mich, und außerdem war ich erleichtert, dass ich nicht im Zwist mit ihr in den Feierabend gehen musste. Nun warte ich gespannt auf eine Antwort der Geschäftsleitung auf meinen Teilzeit-Antrag. Meine Chefin machte mir erstmal wenig Hoffnung… Ich besprach mich bereits mit einem Kollegen vom Betriebsrat, was im Falle einer Ablehnung meine Möglichkeiten wären. Wenn ich mich zu einer Sache durchgerungen habe, rudere ich ungern zurück.

Die Sonne tut sich schwer heute. Ich sitze am Schreibtisch, höre Blues und gehe meine Wahlunterlagen durch, die ich vorgestern aus dem Briefkasten fischte. Ein ganz schöner Stapel. Da ist vordererst die Bundestagswahl + die Wahl zum 19. Abgeordnetenhaus von Berlin + zur Bezirksverordnetenversammlung + Volksentscheid über einen Beschluss zur Erarbeitung eines Gesetzentwurfs durch den Senat zur Vergesellschaftung der Wohnungsbestände großer Wohnungsunternehmen. Insgesamt darf ich 6 Kreuzchen machen, wenn ich richtig zählte. Dem ganzen ist noch ein Merkblatt hinzugefügt, schön kleingedruckt in Beamtendeutsch. Bei so was überkommt mich automatisch ein Widerwille – erinnert es mich doch stark an die SOPs in meinem Job.

47 Gedanken zu “Diesig bis heiter

    • ich wollte schon, als ich mich für den job bewarb, keine vollzeit… aber im vorstellungsgespräch knickte ich ein. also, bereits seit 4 jahren gärt dieser gedanke in mir, endlich die teilzeit zu beantragen. nur wurde von der geschäftsleitung und den chefinnen regelmäßig betont, dass sie das allgemein aufgrund des großen arbeitsaufwandes, den wir haben, nicht wollten. nun stellte ich trotzdem endlich diesen antrag… es war an der zeit. ich musste mich mal aus dem fenster lehnen – nicht immer nur schlucken und alles hinnehmen. wobei ich sagen muss, dass ich immer noch dankbar für den job bin. es gibt viele menschen, die unter schlechteren arbeitsbedingungen schuften müssen.
      ich will täglich die stundenzahl auf 6 stunden verringern. bei 8 stunden bin ich kognitiv so ausgepowert, dass ich nach dem feierabend keine energien mehr für irgendwas habe.

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      • es geht nicht darum, etwas zu realisieren. mir geht es allein um die möglichkeit, für mich zu sein… in mir zu sein, etwas für mich zu machen, die freiheit 2 stunden mehr am tag zu spüren.
        ich identifizierte mich noch nie mit der arbeit. wie du es sagst: ich lebte nie, um zu arbeiten. die arbeit machte mich nicht frei – im gegenteil. ich fühlte mich dann immer nur als zahnrädchen einer verrückten schwer durchschaubaren maschinerie. ich fühlte mich als diener des geldes und selten als ein autarker mensch.

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      • Da denken wir wohl ähnlich Bon.
        Ich kann mir nicht vorstellen in einem großen Betrieb zu arbeiten und nur irgendeine austauschbare Nummer zu sein. Es geht zwar auf Kosten der Sicherheit in Form von Geld, aber ich habe lieber weniger und fühle mich dadurch freier.
        Und da ich mit den meisten Konsumtralala eh nichts anfangen kann, benötige ich auch nicht so viel wie viele meinen verdienen zu müssen.
        Dass sie sich durch ihre Besitztümer selbst geißeln merken sie ja nicht einmal.

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      • seit vielen jahrzehnten steuerte die welt hinein in den kapitalismus und materialismus. ich merkte schon früh, dass dies nicht meine welt ist. ich fühlte mich immer fremd. auch wurde mir schnell klar, dass ich mich trotzdem anpassen musste – zumindest ein wenig. sonst wäre ich längst tot. ich musste verrat an meinem herzen begehen, um zu überleben… aber ich log mich nie (oder selten) selbst an. der überlebenstrieb war einfach stärker als alles andere. und ich wollte liebe. ich wollte lieben. sogar heute noch.

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      • Guten Morgen Bon
        Jeder wie er meint. Zum Glück merkt man es früher oder später und man kann sich immer entscheiden ob man sich mit denjenigen abgeben möchte oder nicht.
        Mit zu direkten und ehrlichen Menschen kommen viele leider auch nicht klar. Aber deswegen sehe ich nicht ein mich zu verstellen.

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      • ich kann schon auch diplomatie… allerdings gibt`s dann grenzen, je näher mir ein mensch rückt – privat, beruflich, wie auch immer.
        ehrliche menschen mit dem herzen auf dem rechten fleck sind mir am liebsten. man muss da nicht in allen dingen einer meinung sein…

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      • Diplomatie bedeutet ja nicht dass man sich verstellt. Man nutzt nur nicht die Hammer Methode, lach…
        Einer Meinung muss man nichts sein, aber man kann sich vernünftig austauschen über die jeweiligen Sichtweisen.

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      • diplomatie versucht das beste aus zwangsbeziehungen herauszuholen. wir können uns im leben nicht in allen bereichen die menschen um uns herum aussuchen.
        man kann seine standpunkte erörtern… missionieren war noch nie meins. wichtig ist für mich bei einem meinungsaustausch, dass es fair bleibt… auch mal mit humor und selbstkritik… und möglichst nicht zu verkrampft. man muss auch mal einen punkt machen können. das ist nicht immer ganz einfach – sage ich aus eigener erfahrung.

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      • Ich versuche stets den anderen Standpunkt zu verstehen, wenn mir der andere wichtig ist oder ich denjenigen nicht ausweichen kann und mit ihm klarkommen muss. Aber verändern wollen sollte man andere nicht. Das geht meist nach hinten los.

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      • doch, ich wünschte mir immer einen hafen, aber keinen hafen, der zur zwangsjacke wird. ich lernte entweder frauen kennen, die zu sehr auf das gemeinsame leben/wohnen abhoben, oder ich lernte frauen kennen, die es gern wild trieben… was zwischendrin gab es nicht.

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      • „Du hast jetzt genauere Vorstellungen von dem was du möchtest und was nicht. Auch dein Lebensrhythmus hat sich gefestigt.“ – ist das jetzt so geschrieben, als ob man viele meint?
        ich denke nicht…. macht aber nichts, nati. missverständnisse kommen vor.

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      • Vom Alter her war es gemeint Bon. In dem Alter wissen die meisten was sie wollen und was nicht. Das eigene Leben hat einen gewissen Rhythmus bekommen den man nicht mehr so einfach abstreift.
        Ich würde jetzt auch auf gewisse Dinge achten, mich nicht mehr auf alles einlassen wollen wie vor 20 Jahren z.B.

        Zum Glück kann man ja reden und Missverständnisse ausräumen, nicht wahr?
        Einen schönen Sonntag dir.

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      • ach ja, und möglichst nie die berühmten totschlagargumente ins feld führen wie: du bist egoistisch, du bist unsolidarisch, du bist ein pessimist, du bist ungebildet, du bist ungläubig, du bist ein narr, du hörst nicht zu, du bist dumm, du hast keine ahnung…

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  1. Das sind ja interessante Neuigkeiten. Ich wünsche dir, dass du deine Arbeitszeit um 25% verkürzen kannst und beneide dich gleichzeitig darum. Das bedeutet nicht, dass ich es dir nicht gönne. Ich würde mir bloß wünschen, dass ich es dir gleichtun könnte. Ich denke, du verstehst mich schon. Hoffentlich läuft alles genau so, wie du es beantragt hast. Weißt du schon, was du mit der zusätzlichen freien Zeit anfangen willst? Falls nicht … du könntest für mich kochen. Na, wäre das nicht ein sehr verlockendes Angebot?

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    • kochen? – das ist sogar für mich selbst mühsam und nur das nötigste.
      wie ich es nati bereits schrieb, mir geht es nicht darum, mit was ich die neugewonnene zeit ausfülle, sondern einfach um das mehr an freiheit und möglichkeit bzw. das weniger an pflicht einem arbeitgeber gegenüber.
      außerdem merkte ich schon lange, dass ich nach einem 8 stunden tag einfach zu nichts mehr zu gebrauchen bin – mal von einem feierabendbierchen abgesehen.

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  2. Sechs Stunden pro Tag ist schon eine enorme Verbesserung der Lebensqualität. Man muss es sich auch finanziell leisten können, aber das hast du sicher schon abgehakt. Dann drück ich auch mal die Daumen für eine positive Entscheidung der Geschäftsleitung. Schönen Sonntag.

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