Am meisten gruselt es mich vor mir selbst

Ich meine jetzt nicht, dass ich gruselig aussehe – das mögen andere beurteilen. Das Selbstbild ist eine intime Sache. Am besten beschäftigt man sich nicht zu sehr damit, hängt alle Spiegel ab und verschrottet die Personenwaage.
Nein, ich meine etwas anderes, wenn ich von dem Grusel vor mir selbst rede. Wie soll ich es erklären… Gestern Abend hatte ich einen kurzen Moment, in dem mir kurz die Absurdität der eigenen Existenz gewahr wurde – aber beschreibt Absurdität dieses Gefühl überhaupt richtig… Es war vielmehr etwas Monströses und Undenkbares – äußerst gruselig! – Die Tür zum verbotenen Zimmer öffnete sich einen Spalt und auch nur einen kurzen Augenblick lang, aber der genügte, um dieses schaurige, schwer zu beschreibende Gefühl in mir auszulösen. Ich muss dazu sagen, dass ich derlei Momente öfter mal habe, nicht täglich aber immer wieder mal, wenn ich mit mir alleine bin und vor mich hin sinniere. Ich bin davon wie geschockt oder geflasht. Es folgen Grübeleien über das Leben, die Geburt und den Tod. Wie kann das alles sein? Wir tauchen als bewusste Existenz auf, irren einige Zeit lang auf einem Spielfeld herum, das wir Wirklichkeit nennen, um schließlich wieder zu verschwinden. Dazu bekommen wir sowas wie eine Spielanleitung mit Regeln und Aufgaben serviert, nach denen wir uns orientieren sollen. Fragen nach dem Sinn der ganzen Veranstaltung werden von den Materialisten mit Kopfschütteln quittiert – dafür ginge man in die Kirche. Oder: Frage doch deinen Religionslehrer.
Das Lebens-Korsett, welches die Gesellschaft vorgibt, ist eine heilige Kuh und darf nicht hinterfragt werden. Für eigene Gedanken bist du viel zu dumm, Junge – du bist doch kein Philosoph! Halte dich mal brav an die Regeln, erledige deine Aufgaben, dann wird aus dir schon was werden.
Bereits in meiner Kindheit und Jugend öffnete sich vor meinem geistigen Auge ab und zu die Tür zum verbotenen Zimmer. Mit wem hätte ich über diese Erfahrungen reden sollen? Am ehesten noch mit meiner Mutter (vor ihrer Erkrankung). Kein Pfarrer und kein Religionslehrer verstand mich. Sie wollten mir lediglich ihren Gottesglauben verkaufen. Und wieder ging es um Regeln und Aufgaben.
Natürlich war mir bald klar, dass, wer auf dem Spielfeld des Lebens mithalten wollte, nicht einfach ausscheren konnte – ansonsten erwarteten einen die Psychiatrie und medikamentöse Fixierung.
Damals begann ich mit dem Aufschreiben meiner Gedanken, verfasste meine ersten Gedichte. Unter den Deutschaufsätzen stand oft „Thema verfehlt“. Und als eines meiner Gedichte vor der Klasse vorgetragen wurde, meinte der Deutschlehrer lapidar: Junge – du bist doch kein Goethe. (Immerhin gefiel das Gedicht den Klassenkameraden.)

Seit ich denken kann, lebe ich (mal etwas mehr, mal etwas weniger) mit dieser kognitiven Dissonanz zu meiner „Spielfeld-Umgebung“… Jetzt in Corona-Zeiten ist das sich abgestoßen und fremd fühlen kaum noch zu ertragen. Als hätte ich nicht genug mit dem puren Horror der eigenen Existenz zu tun.

49 Gedanken zu “Am meisten gruselt es mich vor mir selbst

  1. Das, was du beschreibst ist Einsamkeit und einen der Auswege daraus ist die Flucht im Anderssein. Anders als die Eltern, anders als die Mitschüler und, oder.
    Dieses Gefühl kann auch ein Schatten von einem Elternteil sein (oder von beiden), die ebenfalls an Einsamkeit litten.
    Als Kind nimmt man dieses Gefühl wahr und in sich auf. Bei deinem Bemühungen anders zu sein, hast du dich möglicher Weise selbst aus den Augen verloren.

    Das ist ein ähnliches Phänomen wie das Angepasst sein. Es sind kindliche Manöver um in der Umwelt, ich die man hinein geboren wird, zurecht zu kommen. Diese können sich mit den Jahren manifestieren.

    Das geheime Zimmer könnte deines sein, dass du noch nicht bezogen hast oder, könntest oder wolltest. Das kann innerlich spalten.

    Durch die unterschiedlichen Haltungen zur aktuellen Gesundheitskrise spaltet sich momentan auch die Gesellschaft. Ich kenne dieses furchtbare Gefühl aus der Wendezeit. Ich wollte das alles so bleibt, wie es war und verstand nicht, warum die meisten alles über Bord werfen wollte. Ich musste mit, ob ich wollte oder nicht. Ich dachte: „Menschen sind Menschen und sind so wie sie sind, von einer Vielzahl unterschiedlichem Willen geprägt“ Ihr Bestreben wird immer wieder Wohlstand sein.
    Die kapitalistische Gesellschaft verspricht uns mit ihrer Werbung täglich Glück und dieses Glücksversprechen wird durch die Krise erheblich gestört, nicht zuletzt, weil sie auch u.a. lieb gewordene Gewohnheiten durchkreuzen und eine Leere entstehen lassen bzw. Sichtbar macht, die vorher schon da war.

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    • hi lawe, ich finde mich in den von dir angeführten interpretationen nicht wieder. wir menschen sind unterschiedlich, von klein auf. jeder hat eine eigene geistige landschaft, in der er sich zurechtfinden muss im kontext zur äußeren umgebung und seiner sozialisation. da gibt es keine einfachen antworten, wie du sie anführst. ich floh nie in ein anderssein… (das trifft vielleicht auf leute wie michael jackson zu.)
      ich wollte einfach nur antworten auf meine fragen. mich stießen die oberflächlichen/ausweichenden erklärungen, die mir meine mitmenschen gaben, ab. dafür erhielt ich zumindest bei manchen autoren, dichtern, künstlern, philosophen eine art geistiges zuhause. mein ganzes leben suchte ich nach einem adäquaten ausdruck meiner seele… z.b. durch gedichte, bilder und auch texte wie diesen, auf den du antwortetest.
      das geheime oder verbotene zimmer ist nach meinem dafürhalten keine ausschließlich persönliche sache. es geht um das gefühl der existenz im zusammenwirken mit dem ich-bewusstseins. dort tut sich ein gruseliger abgrund auf – bei jedem menschen, zumindest bei jedem sensiblem lebewesen mit bewusstsein. darum gibt es religionen, weil viele menschen diesen „horror“ nicht ertragen können und den trost in spirituellen scheinlösungen suchen. ich mache mir lieber meine eigenen gedanken zur welt und der bedeutung des menschseins, als mich einfach irgendwelchen traditionellen religionskonzepten anzuschließen – nicht um anders zu sein, sondern weil ich skeptisch bin… besonders bei solch fundamentalen geschichten. für mich sind kritik und skeptizismus ein maß für (menschliches) bewusstsein – aus dem vorgegebenen lebens-konzept/-korsett herauszutreten und dabei geistig möglichst autark fragen zu stellen und kreativ zu werden.

      die derzeitige corona-krise zeigt mir einfach nur den wahnsinn in unseren gesellschaften besonders eindrücklich/plastisch auf – wie eigentlich in allen krisen u.a. auch kriegen.
      bis sich irgendwann wahrheit und vernunft durchsetzen, müssen sehr viele menschen leiden… und einige profitieren und machen einen reibach aus der krise. die gier ist ein tausendfach schlimmeres virus als corona.

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    • da wir hier in mitteleuropa seit dem 2. weltkrieg in relativer unbekümmertheit leben durften…, kapieren das nicht mehr viele – man lässt sich durch staatliche propaganda und angstmache wiedermal einwickeln. vorher schläferte uns der kapitalismus ein… oder so ähnlich.

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      • Wir leben im goldenen Westen und wundern uns über die Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika, Asien und Osteuropa.
        Nein, wir wundern uns nicht wirklich… Wir reagieren mit Angst und Aggression – nicht mit Aggression gegen die eigentlich Verantwortlichen, sondern gegen die „armen Schweine“, die zu uns kommen. Das sagt doch alles über den Wert unserer überlegenen Zivilisation, für die wir uns immer noch halten, aus. Wir lassen die Flüchtlinge lieber im Mittelmeer absaufen oder in Flüchtlingslagern versauern… und waschen unsere Hände in Unschuld. Kein einziger unserer feinen Politiker hat die Eier in der Hose, die Wahrheiten zu benennen!

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      • na ja – ein party-typ war ich noch nie. und wenn, dann lief ich oft schon besoffen ein…
        ich mag es schon immer lieber im kleinen kreis (nicht unbedingt familie) unter menschen, in deren gesellschaft ich mich wohlfühle – einfach ein ungezwungenes beisammensein. darum zogen mich kneipen an… natürlich auch nur die, in welchen ich mich wohlfühlte.

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      • was alkoholismus/sucht angeht, wäre ich schon zufrieden, wenn diese themen etwas differenzierter und vorurteilfreier in der öffentlichkeit diskutiert würden.
        ich für mich sage: ich will mich wegen meiner sucht nicht als bürger 2. klasse fühlen. nun kommt noch das attribut „ungeimpft“ dazu… bin ich jetzt ein bürger 3. klasse?!

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      • Ich denke es gibt bei Menschen Gene die dafür verantwortlich sind ob man zu Süchten neigt oder nicht.
        Es ist eine Erkrankung die einem dadurch nicht zu einen schlechteren Menschen machen.
        Außerdem halte ich überhaupt nichts davon Menschen zu Klassifizieren.
        Jeder ist gleich viel Wert. Aber das will, leider, nicht in jedem Kopf.

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      • Die Blödheit, die Welt eindimensional wahrzunehmen, ist auch genetisch bedingt… Keine Ahnung. Oder auch Sadisten und Gewalttäter haben eine genetische Disposition.
        Nichts genaues wissen wir.
        Bis dahin appelliere ich an das Herz der Menschen… vorausgesetzt, sie haben eins.

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      • Ein echtes Gewissen kann man ja nur haben, wenn man auch ein Herz hat.
        Bei meiner Kriegsdienstverweigerung 1986 sollte ich Gewissensgründe anführen, was ich als pervers empfinde. Muss man wirklich Gewissensgründe anführen, um gegen den Krieg zu sein??!

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      • frauen wurden ja auch lange nur indirekt einbezogen in diesen kriegs-scheiß.
        realistsicherweise muss man leider akzeptieren, dass viele „gruppen“ und auch individuen bei konfliktlösungen immer noch gewalt präferieren. aufklärung und humanistisches denken haben uns da nicht viel weiter gebracht.

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      • Gewalt bedeutet doch letztendlich nur dass einem die sinnvollen Worte/Verhandlungsgeschick/Gesprächsbereitschaft fehlt.
        Also sagt es nichts weiter aus als dass viele/zu viele einfach nur minderbemittelt sind wenn sie meinen mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen.

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      • das würde ich nicht sagen. intelligenz als gradmesser für gewaltbereitschaft – nur bedingt. die gewalt von intelligenten menschen ist womöglich subtiler.
        man muss sich auch erstmal über seinen minderwertigkeitskomplex klar sein. intelligenz kann auch zu besseren rechtfertigungen für gewalt führen.
        dann ist da noch die personengruppe der stark frustrierten und gedemütigten, welche über gewalt ihre negative gefühlslage nach außen kanalisieren.

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      • Ich denke wenn jeder klar nachdenken würde wohin Gewalt führt, sich seiner Schwächen uns Stärken bewusst wäre, würde es weniger Gewalt geben.
        Stattdessen nutzen sie ihren Verstand um zu demütigend, sabotieren, andere zu schwächen usw….
        Für mich hat es schon mit Intelligenz zu tun und natürlich auch mit Emphatie anderen Wesen gegenüber.
        Leider wird es nie solch eine Welt geben wo alle friedlich miteinander leben. Selbst die Jüngsten kennen Neid und dann wird schon mal der Keks vom Gegenüber gestohlen.

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      • nicht zu vergessen die psychische gewalt, gewalt über drohungen, freiheitseinschränkungen, demütigung, diskriminierung…
        solange menschen von anderen menschen als konkurrenten, als gefahr oder als minderwertig angesehen werden, wird es auch immer zu gewalt zwischen menschen und gruppen kommen.
        friedfertigkeit ist vom verstand her wünschenswert. wobei verstand nicht unbedingt mit intelligenz korreliert.
        zu leicht geraten wir in gewaltspiralen… gewalt bringt gegengewalt. wir menschen sind keine bonobos, sondern relativ aggressive schimpansen. selbst wir, die von gewalt nichts halten, werden im verlaufe unseres lebens persönlich mit gewalt konfrontiert und dadurch geschädigt. das kann bereits in der familie beginnen und setzt sich oft in der schule fort… gerade unter jungs.
        allein schon, dass es immer noch so viele waffen gibt, ist ein zeichen, dass gewalt im alltag akzeptiert wird. in den usa gibt es einen regelrechten waffen-kult. natürlich alles unter dem deckmantel der selbstverteidigung… wer so argumentiert, spielt der gewalt in die karten.

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      • Wenn ich schon die Gewaltverherrlichung und diese Waffenliebe drüben sehe, schüttelt es mich. Da ist es schon für die Kleinsten selbstverständlich an der Waffe heran geführt zu werden. Und dann wundert man sich wenn man bei meiner falschen Bewegung, bei einer Kontrolle, erschossen wird.
        Auch hier nehme ich wahr wie nervöser die Polizei von Jahr zu Jahr wird. Man bekommt schon als Normalbürger Angst etwas falsches zu tun bei einer harmlosen Kontrolle. Zumindest mit geht es so. Und das kann in keinem Fall richtig so sein.

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      • dabei sind, wenn ich mich nicht irre, die gewalttaten in deutschland seit jahren rückläufig.
        die polizei tritt heutezutage oft sehr martialisch/einschüchternd auf. da wird gleich durch ihr auftreten eine bedrohungslage geschaffen. psychologisch total kontraproduktiv – meines erachtens. wie du es sagst, man kriegt sofort angst, auch wenn man sich keines vergehens/verbrechen schuldig machte.

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      • Ja. Es ist so ähnlich wie mit den Opferzahlen bei Verkehrsunfällen – die sind auch rückläufig, so weit ich weiß. Natürlich gibt es immer viel zu viele.
        Wie sehr Gefahren über die Medien aufgebauscht werden, können wir doch derzeit wunderbar beobachten…
        Wir sind manipulierbarer, als wir gemeinhin glauben.

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