Es war gestern und ist doch heute (5)

Das Greisendasein bei Pflegebedürftigkeit bedeutet in unserer Gesellschaft Lebenserhaltung. Dabei verdienen Pflegeheime, Ärzte, Apotheken, Sanitätshäuser und die Pharmaindustrie. Wir haben alles, um einen alten, bettlägerigen Menschen am Leben zu erhalten (ob er das nun will, oder nicht). Er wird auf Wechseldruckmatratzen gelagert und per Magensonde ernährt. Wir dokumentieren jeden Furz und jeden Pickel. Die Ärzte verschreiben fleißig, und die Apotheken liefern (unfassbar, was es alles an Mittelchen gibt). Natürlich sind viele Salben und Medikamente krankheitsbedingt notwendig, doch ich wage die These, dass die meisten bestenfalls Placeboeffekte aufweisen (dummerweise mit echten Nebenwirkung für den Patienten).
Das Verschreiben und die Anwendung vieler Mittelchen lenkt von der Hilflosigkeit der Pflegenden und Ärzte ab – und ist insofern ein Placebo für alle Beteiligten! Was Pharmaprodukte nämlich nicht leisten können, ist den Ersatz sozialer Zuwendung, also den marktwirtschaftlichen Faktor Mensch. Ein Mensch braucht Zeit, und Zeit ist Geld. Es ist billiger, einen Menschen „schlafen“ zu legen, als sich um ihn zu kümmern. Das ist die Krux.
Dem Altenpfleger macht man weis, dass es ganz normal ist, wenn er morgens innerhalb von zwei Stunden acht Bewohner waschen und ankleiden muss, von der anfallenden Behandlungspflege ganz abgesehen. Man sagt dem Altenpfleger, dass er den Beruf verfehlt hat, wenn er diese Abfertigung in Frage stellt (… wurde mir von meiner PDL auf einer Betriebsfeier gesagt, als ich meine Gedanken frei äußerte).
Ich mache dem Altenpfleger keinen Vorwurf, der irgendwann unter den gegebenen gesellschaftlichen und betrieblichen Umständen kapituliert und eine Wischiwaschi-Pflege abliefert, die mit seinem Berufsethos eigentlich nicht mehr zu vereinbaren ist. Ständig leben wir Pflegenden in einer schwer erträglichen Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
In den Pflegebetten liegen Menschen und nicht Puppen oder Tiere…, auch keine Babys/Kleinkinder – sondern alte, sehr eingeschränkte und dahinsiechende Menschen, die es verdient haben, ihre letzten Tage in Würde zu verbringen. In einem dieser Betten könntest DU eines Tages liegen – überlege ich mir oft, wenn ich nachts die Zimmer abgehe, Windeln wechsele, Hintern abputze, Menschen hin- und herwälze, Sondennahrungen ab- und anhänge … Ich komme menschlich sehr schnell an die Grenzen meiner Belastbarkeit und kompensiere das durch Routine – doch blind für das, was ich sehe und erlebe, will ich nie werden!
Wir erhalten die Menschen am Leben mit Antibiotika und Sondennahrung und sehen dabei nicht, dass wir die seelische Gesundheit total vernachlässigen. Dafür ist scheinbar niemand zuständig.

(30.09.2007)


27 Gedanken zu “Es war gestern und ist doch heute (5)

  1. Das ist für Menschen nicht geeignet deren Menschlichkeit, Mitgefühl und Gewissen gut funktioniert. Alle anderen stumpfen irgendwann ab.
    Was nicht weniger grausam ist.
    Kein Wunder dass die meisten älteren oder gebrechlichen Menschen bis zum äußersten Ende in ihr zu Hause bleiben möchten.

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      • Aber selbstbestimmter.
        Wenn ich mir vorstelle jemand bestimmt über mich und meine Lebensweise….
        Und ich bin noch weit entfernt vom durchschnittlichen Alter der Heimbewohner.

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      • na ja. man hat halt sein bett, in dem man dahindämmert, noch in der eigenen wohnung oder im eigenen haus…, falls man das alles noch erkennt.
        es geraten ja nicht alle menschen vor ihrem tod in diese (absolute) abhängigkeit, aber durch den medizinischen fortschritt immer mehr… und länger.

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      • Es ist meist nur ein Geldgeschäft.
        Da soll die eine Tablette das beheben was die andere verursacht.
        Klar gibt es auch wichtige und richtige Medikamente.
        Aber irgendwann hat man einen Rattenschwanz an Tabletten der nicht endet.
        Früher ist man gestorben und gut war es.

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      • verkürzt könnte man es so sagen… man akzeptierte krankheit und tod „früher“ als ein teil des lebens und wollte da nicht auf gedeih und verderb lebenserhaltend eingreifen.
        wie „schräg“ unsere gesellschaft diesbezüglich drauf ist, können wir besonders in der corona-zeit beobachten… wir werden alle teil eine maschinerie der lebenserhaltung. wie sinnvoll und menschlich das ganze ist, wird nicht diskutiert.

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      • stellt sich die frage, wie es zu dieser (meiner meinung nach unguten) entwicklung kommen konnte. begleiterscheinungen sind der „gesundheitswahn“ + „jugendlichkeitswahn“ + „schönheitswahn“ + die teils absurde schönheitschirurgie und kosmetik. und der nächste schritt ist die perfektionierung des menschen durch die implantierung von chips… stichwort „transhumanismus“.
        wahrscheinlich lässt sich damit sehr viel geld verdienen… und die menschen werden über medien/werbung hinreichend manipuliert, dass sie diesen trend für sich annehmen.

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      • Ja genau. Dieser Weg hat die Pforten geöffnet und bei vielen die Idee in den Kopf gepflanzt man könnte das Altern aufhalten, sich jung und attraktiv modellieren lassen. Selbst Senioren werden in der Werbung stets aktiv dargestellt.
        Normale altersbedingte Einschränkungen werden verdrängt, unsichtbar gemacht. So etwas gibt es einfach nicht. Schon gar nicht den Tod.

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      • dasselbe schema des wahnsinns sehen wir bei kriegen. das kann nur daran liegen, dass wir als menschen geistig/emotional äußerst unreif sind… und umso mehr macht wir in den händen halten, desto verhängnisvoller die wirkung auf unsere eigene art und die umwelt.
        nur im labern über verantwortung und mitmenschlichkeit sind wir spitzenklasse.

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  2. Ich habe mal softwaretechnisch damit zu tun gehabt, die Pflegenden müssen wirklich jede Minute dokumentieren und da geht Zeit und Zuwendung flöten. Trotzdem sollte man nicht nicht vergessen, dass es hier in D noch sehr gut ist, es gibt Länder, da ist es mehr als furchtbar. Aber ich weiss, was du meinst. Der Beitrag ist von 2007? Leider hat sich nichts verbessert 😦

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  3. Ich finde es super , dass du es so aussprichst 👌alte pflegebedürftige Menschen brauchen Zeit , Beschäftigung und Zuwendung .ich wünsche mir sehr, dass diese Krise auch die Altenpflege , Krankenhäuser etc. zum Umdenken zwingt . Es ist ein Armutszeugnis unserer doch so Ego und Profit orientierten Gesellschaft .

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    • ein systemisches problem… solange wir in einer vorrangig profitorientierten welt leben, wird sich kaum etwas zum besseren ändern. wir leben in einer zweiklassengesellschaft, in der sich nur wohlhabende eine wirklich gute pflege über das absolut notwendige (satt/sauber) hinaus leisten können.
      menschliche arbeitskraft wird seit vielen jahren auf teufel komm raus wegrationalisiert, nicht nur in medizin und pflege. hinzu kommt in vielen bereichen ein unseriöses lohndumping.

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