Halle 5

Die Heidelberger Druckmaschinen AG lag im Gewerbegebiet außerhalb der Stadt. Sie war der größte Arbeitgeber der Region. In den großen Ferien arbeiteten dort auch Schüler und Studenten, um auf ihr erstes Auto, ein Moped oder einen Urlaub zu sparen. Der Verdienst für ein paar Wochen war nicht schlecht. Ich arbeitete in Halle 5. Das Abi hatte ich gerade hinter mir, und bis ich im Spätjahr einen Ausbildungsplatz als Technischer Zeichner antreten wollte, blieben ein paar Monate. Zwei Kumpel und ich planten im Sommer, vier Wochen per Interrail durch Europa zu touren. Dazu musste das Geldsäckel gefüllt werden. Wir schrieben das Jahr 1982. Musikalisch flutete Die neue Deutsche Welle das Land. Deutschland war geteilt, und niemand glaubte daran, dass sich daran etwas zu seinen Lebzeiten ändern würde. Wir waren in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen. Im Nachhall der 68er erlebte unsere Generation ihre Jugendkultur – weitgehend unpolitisch, naiv, an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Nach der Tretmühle der Schule erwarteten uns Anpassung und Kapitalismus. Aber noch rebellierten wir in unserem jugendlichen Eifer – gegen alles, insbesondere gegen den Mief des Elternhauses.  
Die Arbeit als Maschinenbediener war eintönig. Ich wunderte mich darüber, wie man diesen Job jahrelang machen konnte. Ich zog mich oft aufs WC zurück und las dort Science-Fiction-Kurzgeschichten von Herbert W. Franke, Stanislaw Lem und anderen – damals neben Bukowski mein Lieblingslesestoff. Meine Arbeitskollegen waren Gastarbeiter, mehrheitlich Türken. In den Pausen saß ich bei ihnen. Sie boten mir von ihrem Essen an. Natürlich war ich in ihren Augen ein Grünschnabel, und sie amüsierten sich darüber, als mir nach dem Genuss einer Peperoni Tränen in die Augen stiegen. Am Liebsten arbeitete ich in der Spätschicht. Die begann nachmittags und endete am späten Abend. Ich radelte dann eiligst in meinem Blaumann zurück in die Stadt direkt zu meiner Stammkneipe, um dort noch ein Feierabendbierchen zu kriegen. Außerdem hatte ich damals eine Liebelei mit einer der Bedienungen – die feiste Barbara. Wir fuhren mit ein paar anderen nach der Schließung des Lokals an einen Baggersee, um dort weiter zu trinken und nackt zu baden. Barbara und ich sonderten uns ab und frönten unserer Lust im See. Ich kam erst in den Morgenstunden nach Hause. Ich lebte bei meinen Eltern, aber wir kriegten nicht viel voneinander mit.
Ich stellte mich weder besonders gut noch besonders schlecht bei der Arbeit an. Aus einer Kiste musste ich die Metallteile herausnehmen, in eine Vorrichtung korrekt einlegen und den Knopf drücken. Den Rest erledigte die Maschine. Danach die fertigen Teile herausnehmen und in eine andere Kiste sortieren. Für den Ausschuss gab es auch eine Kiste. Freilich lief das Programm der Maschine nicht immer reibungslos und der Vorarbeiter musste eingreifen… Einige Tage saß ich an einer Bohrmaschine zum Entgraten. Die feinen Metallspäne zerschnitten meine Fingerkuppen. Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern. Wie ich es bereits sagte, bewunderte ich die Arbeitskollegen, die das seit vielen Jahren machten. Für mich war Halle 5 nur eine kurzfristige Übergangsstation, um mir ein paar Mark für die Interrailreise zu verdienen.
Ich begann damals mit dem Rauchen, ich meine so richtig mit Tabak und Selbstdrehen. Es musste der stärkste sein – Schwarzer Krauser. Meine Finger wurden schnell dunkel von der Arbeit und vom Tabak. Das Abi hatte ich gerade so geschafft. Für mich gab es nichts zu feiern. Ich fühlte mich innerlich leer. Ich mochte die Schule nicht. Und plötzlich war das alles vorbei, 13 Jahre meines jungen Lebens. Wie würde es weitergehen?



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