Es war gestern und ist doch heute (3)

Er hatte einen Wahn. Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
„Sag mir, dass ich was ganz Besonderes bin!“ rief er in die Muschel.
Er spazierte in den Wald, in menschenleere Zonen; er schaute zu den Wipfeln empor und schrie wie ein Irrsinniger.
Wenn er in der Kneipe saß, verwickelte er die Bedienung in ein Gespräch. Er hörte sich reden und wartete auf einen Satz der Anerkennung.
Er schrieb Gedichte, die in seinem Regal verstaubten. Die Gedichte zeugten von seiner Lethargie und seinem Wahn. Er hatte seit Jahren keine Frau geliebt. Er strengte sich nicht an auf dem Gebiet. Außerdem war er außer Form.
Er lebte zurückgezogen und war nicht gerade glücklich, aber auch nicht unglücklich damit. Er wollte schon immer was ganz Besonderes sein.
Er fühlte sich wie eine leere Batterie, die von Elektrizität träumt.
Die Post, die er erhielt, und die Telefonanrufe waren dienstlich.
Manchmal meldeten sich auch seine Eltern. Er mochte seine Eltern, aber er war zu sehr in seinem Wahn, so dass ihm niemand wirklich wichtig war.
Er fragte nach dem Sinn des Ganzen und kam dabei nicht weiter.
Er wurde älter. Er wurde vorsichtiger. Darum schenkte er sich nicht mehr so viel nach, wenn er trank.
Er konnte seinen Wahn nicht loswerden, um einfach zu leben, wie er die Anderen leben sah. Er war nicht gerade glücklich, aber auch nicht unglücklich damit.

(01.10.2000)

12 Gedanken zu “Es war gestern und ist doch heute (3)

    • zwanzig jahre älter halt. ich lebte damals nicht in berlin und arbeitete noch in der altenpflege. meine eltern lebten noch. und einige liebesgeschichten lagen noch vor mir.
      ich bin dem tod näher als damals. ich bin noch vorsichtiger beim trinken.

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      • in solchen kategorien dachte ich nie – nur das eine mal, als ich in der langzeittherapie war (1994)… damals war ich ganze 6 monate trocken.
        ich brach die therapie vorzeitig ab… für manche war es sicher gut, dort in der „ballerburg“ zu sein. ich entschied für mich, dass ich da nicht hinpasste. aber damals war ich total pleite und konnte mich dadurch ein paar monate über wasser halten, ohne die wohnung zu verlieren…

        Gefällt 1 Person

      • Dann hat es ja einen Sinn gemacht, wenn auch nicht den verordneten. `94 hatte ich eine sehr heftige Zeit, alkoholisch. Die erste Ehe begann massiv zu bröseln und ich soff wie ein Loch hartes Zeug. Mit den üblichen „Nebenkosten“ …menschlicher Art.

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      • ja, ich war damals mit der „verrückten“ zusammen, der ich vor kurzem den wintermantel spendierte. leider betrog sie mich mit einem indien-freak, der päckchen ausfuhr… sie stand auf solche typen.
        tja. und da griff ich wieder zur flasche. allerdings fast nur wein und bier – das aber in mengen.

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      • Wenn man genug davon hat, kommt man auch damit zurecht. Ging mir später so, als mich das harte Zeug zunehmend verrückt machte. Nochmal später ging das auch mit Wein und Dope, das verrückt werden.

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      • jeder alki macht seine eigenen erfahrungen. ich lernte so viele kennen, typen, die zu ihrem alkoholismus standen, andere, die es leugneten, die, die ab einem punkt aggressiv wurden, wieder andere, die plötzlich wegpennten… etc. etc.
        jeder charakter geht mit seinem alk-konsum anders um, und jeder von uns hat zudem einen anderen lebenslauf, d.h. andere erfahrungen, einen anderen background…
        mit dope machte ich nur wenig erfahrung. die „verrückte“ dealte mit dope (vom indien-freak), und ich kam so nebenbei auch dazu.
        rauchen war aber nie mein ding. ich machte halt ab und zu mit.
        ich verlor nie (wirklich) meinen verstand, aber mir fehlen doch einige tage durch blackouts. und die entzugserscheinungen waren alles andere als schön.

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