Nass

Ins jährliche Mitarbeitergespräch ging ich mit langen Hosen. Nach ca. fünf Monaten zwängte ich mich erstmalig wieder in die Jeans. Am Morgen regnete es Hunde und Katzen, und es war dementsprechend kühl. Bereits nach wenigen Minuten war ich bis auf die Haut nass. Der Parka war den Regenmengen nicht gewachsen. Freilich hätte ich vom Fahrrad absteigen und den Schirm, den ich extra dabeihatte, aufspannen können. Aber sei`s drum, ich fuhr durch.
Als die Hühner über mein nasses T-Shirt witzelten, entgegnete ich keck: „Ich dachte, hier wäre heute ein Wet-T-Shirt-Contest.“
Im Büro trocknete ich alleine vor mich hin, da sich meine Kollegin ein verlängertes Wochenende gönnte. Gedanklich war ich auch schon im Wochenende.
Den Termin zum Mitarbeitergespräch hatte ich 1 Uhr. T-Shirt und Jeans waren inzwischen getrocknet. Die zwei Chefinnen und ich trafen uns im Konferenzraum. Ich mag solche gezwungenen Situationen auf den Teufel nicht: Eine Mischung aus Prüfung, Bewerbungsgespräch und Arztbesuch. Ich muss dabei stets gegen eine gewisse innere Aufgeregtheit ankämpfen und empfinde das Ganze als emotional sehr anstrengend. Darum folgt hinterher die glückliche Entspannung, zumal es sowieso nie schlimm kommt.
So auch diesmal. Als ich auf die Uhr schaute, war ich erstaunt, dass eineinhalb Stunden vergangen waren. Freudig verabschiedete ich mich von den Chefinnen ins Wochenende. Ich hatte mir den Feierabend verdient – aber sowas von!


Den Feierabend begoss ich im Pub. War kaum was los. In einer Ecke saß der alte Freddy, der immer stärker abbaut. Beim Drehen einer Zigarette fällt ihm die Hälfte des Tabaks auf den Boden. Eine Unterhaltung mit ihm ist zwecklos. Er nuschelt derart, dass niemand nicht ein Wort versteht. Und wenn er aufsteht, muss man Angst haben, dass er beim ersten Schritt umkippt.
Ich hatte das erste Bier hinter mir, da kam Brandy-Harry auf seinem gelben Motorroller angerauscht. Er setzte sich neben mich und versuchte sich an einem Silbenrätsel in der Berliner Zeitung.
„Freddy baute in den letzten Monaten ganz schön ab“, meinte er.
„Ja, das fiel mir auch schon auf. Wird ein schlimmes Ende nehmen.“
Ich fand, dass auch Harry zunehmend schlechter aussah. Sein Gesicht fahl und knochig, und ich glaubte, eine ungesunde gelbe Tönung wahrzunehmen. Wird wohl dem Brandy geschuldet sein.
Wir redeten noch über dies und das, Corona, den vergangenen Sommer, und blickten versonnen hinaus auf die Potsdamer Straße, auf die Passanten, den Verkehr, die gegenüberliegenden Hausfassaden, die Stadtbäume, deren Blattwerk noch grün leuchtete…


51 Gedanken zu “Nass

    • Schema F ist das freilich schon, weil die dabei nach einem Konzept vorgehen. Aber es bleibt dabei schon auch Spielraum für individuelle Fragen, Kritik und Wünsche, – was unter Umständen etwas haarig werden kann, wenn man dabei zu ehrlich ist.
      Aber meine Chefinnen halte ich für relativ anständig… Insofern muss man schon ganz schöne Böcke abschießen, um bei ihnen unten durchzufallen.

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      • nein, zwischenmenschlich hakt bei mir auf arbeit so gut wie nichts. ich fühle mich von allen ganz gut akzepiert, auch was meine arbeitsleistung angeht. freilich kann man sich da nie zu sicher sein…, weil`s auch immer gequatsche hinter dem rücken geben kann. die hühner sind in dieser hinsicht manchmal recht eifrig am werke… bisher gott sei dank nicht, was meine person angeht. ich bin ja auch ein ausgesprochen netter kerl… (lach!)

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      • im prinzip sagten meine chefinnen das, was ich sowieso von mir weiß:
        ich bin in der regel ein zurückhaltender charakter, der zuverlässig seine arbeit macht.
        wenn es spannungen gibt, versuche ich ausgleichend zu wirken…
        leider führte das (in meinem früheren job als altenpfleger) einmal dazu, dass ich zwischen den stühlen saß und plötzlich beide seiten gegen mich sah. das war vielleicht ein scheiß gefühl…

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      • Das kann ich mir vorstellen.
        Ich bin ein Mensch der Harmonie braucht.
        Gezicke und Missgunst geht gar nicht.
        Ich versuche immer den Gegenüber zu verstehen und zu ergründen warum er ist wie er ist oder warum er so handelt. Jeder soll so sein dürfen wie er ist, man muss nicht jeden mögen, miteinander auskommen ist aber meist möglich.

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      • leben und leben lassen ist eine meiner devisen.
        ich habe nicht die macht, die welt nach meinen vorstellungen zu verändern. ich will es auch nicht.
        es reicht mir, wenn ich mich im privaten bereich nicht sonderlich verbiegen muss…
        leider musste ich da in meinem leben schon oft einsamkeit in kauf nehmen.

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      • ja. wobei es menschen gibt, denen das verbiegen im blut liegt. ich weiß nicht.
        natürlich kann ich auch im privaten mal über meinen schatten springen. aber zumindest gegenseitige ehrlichkeit ist für mich grundlegend in einer beziehung, freundschaft und auch in der familie.
        ich wünsche mir einen ort der geborgenheit, wo ich mich als der mensch, der ich bin, fallen lassen kann… ohne mich rechtfertigen zu müssen, ohne angst.

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      • Klar, Kompromisse eingehen.
        Aber nicht verbiegen weil der Andere es gern anders hätte.
        Wer wünscht es sich nicht so wie du es beschreibst.
        Dies zu finden ist dann etwas anderes.
        Vor allem wenn man älter wird, seine Eigenheiten hat, in sich gefestigt ist und nicht mehr alles hinnehmen möchte. Da ist man in jungen Alter flexibler, finde ich.

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      • auch im alter fühle ich mich noch flexibel. aber da habe ich leicht reden, weil ich für mich alleine dahindämmere… also ohne familiäre pflichten.
        während die frauen, die ich in den letzten jahrzehnten kennenlernte, schon allein durch ihre kinder und familiären angelegenheiten eingeschränkt waren. als mann fühlte ich mich dann früher oder später in die zweite reihe versetzt… aber natürlich gibt es jede menge männer, die das in kauf nehmen.
        ich offenbar weniger.

        auch geistig halte ich mich noch für ebenso flexibel wie in jungen jahren, sogar flexibler durch meine gewonnenen erfahrungen: mein geistiger horizont erweiterte sich in einigen bereichen nicht unwesentlich.
        aber gut. ich bin natürlich hinsichtlich mancher dinge ein großer dickkopf – schon immer. ich brauche luft zum atmen… ich habe meine grundlegenden ansichten hinsichtlich politik, kultur, gott und universum…. auch hinsichtlich der liebe.

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  1. Ohgott, Jahresgespräch! Ich hasse es. Obwohl mein Chef eigentlich ein ganz guter Typ ist. Aber man sitzt dann da und redet um den heissen Brei herum. Bei mir war das Jahresgespräch am 10. März. „Ach, Corona, das ist doch kein Problem! Nein, Du musst nicht ins Homeoffice“, hiess es. Zehn Tage später war ich es dann. Etwa so realitätsnah sind Jahresgespräche. Liebe Grüsse von Frau Frogg

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    • danke frau frogg! du sagst es sehr treffend: man redet um den heißen brei herum.
      eigentlich empfinden das alle so (mehr oder weniger), und trotzdem wird es gemacht… was erhofft man sich damit?
      möglicherweise erfahren die chefs dadurch etwas mehr über die stimmungslage und die beziehungsgeflechte innerhalb des personals. puuuh. Und dann die ewig stupiden fragen, wo man sich selbst sieht etc.
      ich sehe es wie milou, die kürzlich sagte: „mitarbeitergespräche sind so unnötig, wie eine zecke am hintern….“

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  2. Ich hasse solche Gespräche – na gut, hassen ist vielleicht etwas übertrieben. Aber ich wäre auch froh, wenn sie an einem Freitag stattfänden und ich danach Feierabend hätte. Ist bei Dir ja offensichtlich gut gelaufen.

    Übrigens: als jahrelange Vorgesetzte (seit 5 Jahren erledigt) ein Hinweis: auch Vorgesetzten fällt das nicht leicht! Es sind immer Individuen, mit denen jeder Mensch umgehen muss / sollte / mag. LG und einen guten Start für morgen früh.

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