Die Verrückte

Die Verrückte schrieb mir eine Karte. Ihre Telefonnummer habe sich geändert. Rolli, ein alter Bekannter, terrorisiere sie. Sie würde sich freuen, wenn ich mich mal telefonisch meldete.
Das letzte Mal, dass ich mit der Verrückten Kontakt hatte, war bei meinem Umzug nach Berlin. Sie half mir beim Transport meiner Sachen. Am Ende stritten wir, weil sie immer mehr Kohle forderte. Da hätte ich mir gleich ein Umzugsunternehmen nehmen können.
Anfang der Neunziger waren die Verrückte und ich ein Liebespaar. Ich war beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Lebensenergie. Sie hatte es nie leicht gehabt und sich tapfer geschlagen. Bereits mit Dreizehn glitt sie in die Drogenscene ab, wurde die Braut eines Discothekeninhabers. Der versumpfte zusehends, und sie musste sehen, wo sie blieb. Durch ihr Organisationstalent fiel sie immer wieder auf die Füße. Als ich sie kennenlernte, war sie sporadisch mit Rainer zusammen, einem Freak wie aus dem Bilderbuch, der jährlich monatelang durch Indien tourte und mit Hasch und Marihuana dealte. Rainer blieb immer präsent. Sicher war er eifersüchtig. Der Lieferwagen, mit dem er Päckchen ausfuhr, stand oft vor unserem Liebesnest. Als unsere Beziehung in die Brüche ging, war er sofort zur Stelle. Das exzessive Saufen hatte mich runtergebracht. Ich verlor den Lappen und kündigte meinen Job. War eine Scheißzeit. Der letzte Anker hieß Drogenberatung. Eine nette Sozialarbeiterin leierte eine Langzeittherapie für mich an, die ich nach sechs Wochen abbrach. Ich kam mit dem Therapiekonzept nicht klar. Außerdem hatte ich Sehnsucht nach der Verrückten. Ich blieb noch ein paar Monate trocken. Aber eines Nachts, als sie ohne mich auf Tour war und nicht anrief, hielt ich mich an einer Flasche Roten schadlos… Damit war`s geschehen. Angeblich war sie damals bei Rolli, ihrem Dauerproblemfreund, gewesen. Der gute Rolli – auch ein Freak wie aus dem Bilderbuch.
Nach unserer Trennung kriegte ich noch die ein oder andere Beziehung der Verrückten mit. Wir hausten in unmittelbarer Nachbarschaft. Sie stand auf Freaks, Alkis und Kaputtnixe, die sie dann, wenn sie ihre Anwandlungen hatte, als Loser beschimpfte, sogar auf sie losging. Keiner konnte es sehr lange mit ihr aushalten. Auch ich hatte ihre Ausraster und Schimpftiraden gründlich satt. Den Kontakt zu ihr stellte ich aber erst ganz ein, als ich wegen einer anderen Verrückten nach Berlin zog (– was wieder eine andere Geschichte ist).
Gestern Abend, ich kam leicht angetrunken aus dem Pub, hätte ich die Verrückte fast angerufen. Ist aber wahrscheinlich besser, wenn ich sie weiterhin aus meinem Leben raushalte.

 

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ihre Karte

 

8 Gedanken zu “Die Verrückte

    • Ich bin auch verrückt, vielleicht noch verrückter als die anderen. Aber ich bin und war nie böse.

      Frau M. ist nicht die Verrückte, die ich im Beitrag beschrieb. Sie ist eine andere Verrückte in meinem Leben, auch nicht die letzte.
      Ich schätzte sie sehr wegen ihrer menschlichen Qualitäten, konnte sie aber nicht langfristig als Frau lieben. Darum hasst sie mich. Und diesen Hass muss ich aushalten.

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  1. Wie dramatisch und selbstgerecht. Du warst nie böse? Ist das dein ernst? Jeder war mal böse und ist mal böse und deshalb noch lang kein Arsch, um mit deiner Wortwahl zu argumentieren ..

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    • Wo schreibe ich, dass ich nie böse war? Möglicherweise bin ich auch ein Arsch – aber das sollen meine Mitmenschen beurteilen.
      Selbstkritik scheint offenbar nicht dein Ding zu sein, wenn ich von den Kommentaren ausgehe, die ich von dir las

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  2. Die Frau hat Temperament und eine Affinität zu einem bestimmten Menschenschlag. So was soll es geben und das ist gar nicht so selten. Verrückt heißt ja nur, dass sie im Sinne von Normalität, wie wir sie verstehen, etwas abgerückt ist. Mich amüsiert es,, weil viele Frauen oder auch Männer sich gern als Verrückt -„Ich bin ein bisschen Verrückt“ – aus dem Rahmen gefallen bezeichnen, weil das ihr Weg ist, um einfach nur aufzufallen und und sich von der „Grauen Masse“ abzugrenzen.

    Andere wieder wollen um keinen Preis auffallen und tauchen lieber in der grauen Masse unter. 😯

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    • temperamentvoll ist die verrückte auf alle fälle. ich nenne sie so, wie man gerne menschen anhand einer auffälligkeit tituliert – man sagt „der große“, „der dicke“ etc.
      sie schlug sich bewundernswert durchs leben, und ich begleitete einen teil ihrer wegstrecke als partner und später als freund/kumpel. leider hat sie immer wieder diese „ausraster“, wo sie den menschen, der bei ihr ist, beschimpft und attackiert. es kommt wie aus dem nichts… das beste, was man dann machen kann, ist zu gehen. es ging ihr sicher nicht um das kokettieren mit dem „verrückt-sein“, wie es quasi mainstream ist. nein, ich denke, dass ihren ausrastern eine wirkliche psychische erkrankung zugrunde liegt (womöglich drogenbedingt). niemals aber würde sie sich dies eingestehen.
      ich liebte und bewunderte diese frau… sie ist ein unikum, allerdings mit einem giftstachel.

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      • so denke ich auch. Ausraster…sie sind ja von starken Impulsen gelenkt,die sie nicht kontrollieren und zuordnen kann. Es können auch Trigger sein und sie bringt differenziert nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Drogenkonsum kann dies verstärken. Da ist es besser, man bringt sich in Sicherheit 🏃🏻‍♂️🏃🏻‍♂️🏃🏻‍♂️🏃🏻‍♂️🏃🏻‍♂️

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