I Can`t Get No Satisfaction

Für meine Verhältnisse schlappte ich viel durch die Gegend. Gut so. Ansonsten bin ich ja mehr per pedale unterwegs. Da es auch mal bergauf und bergab ging, kriegte ich flugs Muskelkater. Das sonnige Winterwetter spornte mich an. Lediglich am Silvestertag war es trübe. Ich marschierte den Philosophenweg hoch, vorbei an den alten Villen an der Südseite des Heiligenberges hin zu den Aussichtspunkten. Als Wegzehrung hatte ich eine Flasche Rotwein (einen trockenen Merlot) im Rucksack. Wo sich eine gute Gelegenheit bot, pflanzte ich mich auf eine Bank und ließ meine Blicke übers Neckartal und die Stadt schweifen. Melancholisch ließ ich im Geiste die vielen Lieben Revue passieren, mit denen ich denselben Weg gegangen war, dieselbe Aussicht genossen hatte. Fast alle schleppte ich den Philosophenweg hoch… Jetzt, wo ich in Berlin wohne, muss ich mir andere romantische Orte suchen. Einen zweiten Philosophenweg mit solch toller Aussicht gibt`s hier nicht.
Ich saß also vor mich hin sinnierend auf der Bank und nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Da rief mir eine Frau zu: „Ist der Wein nicht zu kalt!?“
„Nö, geht schon!“ rief ich überrascht zurück. Wie so oft fehlte es mir an Spontaneität – ich hätte sie fragen können, ob sie mal kosten wolle. Aber ich ließ die Gelegenheit verstreichen. Wie festgefroren saß ich da mit der Rotweinflasche neben mir.
Weiter ging`s bis zum Schlangenweg, der mich über unzählige Treppenstufen steil hinunter zum Neckarufer führte. Nur noch über die Alte Brücke, und ich befand mich in der Altstadt. Touristenströme schwappten mir entgegen. Ich bog in die Untere Straße ab. Dort gab es noch ein paar Kneipen, die den Namen verdient hatten. War nur die Frage, was am Silvesternachmittag geöffnet hatte. Bei der Destille hatte ich Glück. Hier konnte ich unangestrengt mein Bier trinken. Die Rolling Stones liefen. Nicht zu viele alte Säcke. Eine nette, junge Bedienung versorgte mich an der Theke. Die Spießer und Touristen linsten neugierig rein. Meist blieben sie draußen. Inzwischen war es dunkel. Ich bestellte noch ein Bier…
„I can`t get no satisfaction“, tönte es aus den Lautsprechern – es wurde langsam Zeit für mich. 30ig Jahre jünger, und ich hätte mich bis zum Feuerwerk durch die Altstadtkneipen gesoffen.

 

img_20191231_134849

Blick flußaufwärts und zum Heiligenberg

img_20191231_135220

interessantes Motiv

img_20191231_140953-1

kurze Pause zum Rotwein schlabbern

img_20191231_144845

Blick vom Philosophenweg auf das Schloss gegenüber, die Alte Brücke und die Altstadt

 

36 Gedanken zu “I Can`t Get No Satisfaction

  1. Es liest sich so, als sei dir dein Aufenthalt in der alten Heimat gut bekommen. Schöne Aufnahmen. Ich war früher oft und sehr gerne dort, als ich noch im Odenwald lebte. Nun hat dich Berlin wieder. Ehrlich? Ich möchte heute nicht mehr dort leben, obwohl ich die Stadt mag. Schon deshalb, weil sie so „irre“ ist. Einen angenehmen Tag wünsche ich dir noch.

    Gefällt 2 Personen

    • Wie du es sagst: Berlin ist irre. Und das mag ich an Berlin, währenddessen Heidelberg eine Spießerstadt ist. Wären da nicht die vielen Studenten, fände ich es unerträglich in Heidelberg.

      Die Reise war wichtig für mich. Schon allein deswegen, um für ein paar Tage den Arsch hochzukriegen. Und auch zur Selbstreflektion.

      Gefällt mir

  2. Klar, die Uni sorgt für Leben dort, für relativ junges Leben noch dazu. Darum mag ich Heidelberg immer noch sehr. In einer spießigen Stadt könnte ich auch nicht leben. Obwohl, wenn man richtig hin schaut, dann leben auch in einer irren Stadt sehr viele Spießer. Sie fallen nur nicht so auf, lach.

    Gefällt 1 Person

    • Spießer gibt’s überall. Ich habe nichts gegen sie. Leben und leben lassen. Aber an Orten, wo sie überhand nehmen, fühle ich mich nicht wohl – bzw. fehl am Platz. Scheußlich finde ich, dass die Spießer weitgehend auch die linke Szene unterminieren…

      Gefällt mir

      • Was ist genau ein Spiesser? Ich raffe das nie. Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass es keine Spiessers gibt, nur Individuen mit zum Teil recht konventionellen Lebensläufen. Aber wenn der Lack abblättert, sind die meisten ziemlich speziell, ob sie nun eine gigantische Spielzeugeisenbahn im Keller haben oder einfach nicht über die Trennung von ihrer grossen Liebe hinwegkommen.

        Gefällt mir

      • die diskussion hatten wir doch bereits ein paar beiträge weiter unten.
        folgende wikipedia-def. finde ich ganz gut: „Als Spießbürger, Spießer oder Philister werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen. In der Schweiz werden Spießbürger auch als Bünzli oder als Füdlibürgerr (Füdli = Hinterteil) bezeichnet.“
        spießbürger sein ist keine frage des alters. aber meist sieht man als jüngerer mensch die äteren generationen als spießig an. wenn der junge mensch dann selbst in die tretmühle des lebens mit arbeit, familie, vereinswesen und wegen mir modelleisenbahn im keller eintritt, ignoriert er zu gern, dass er selbst zum spießer wurde.
        auch der lebenslauf spielt nur bedingt eine rolle – es geht um die lebenseinstellung, siehe obige definition.
        spießbürger gab es wahrscheinlich zu allen zeiten. so schrieb z.b. heinrich heine:
        „Die Philister, die Beschränkten,
        diese geistig Eingeengten
        darfst Du nie und nimmer necken.
        Aber weite, kluge Herzen
        wissen stets in unsren Scherzen
        Lieb und Freundschaft zu entdecken.“

        freilich sind auch spießer spezielle personen mit individuellen eigenschaften, vorlieben/hobbys. ja, man könnte sagen, dass spießbürger wohl eher ihre gesellschaftlichen masken wahren… ihnen ist es sehr wichtig, was die nachbarschaft denken könnte. prinzipiell gibt es auch unter gesellschaftlichen randgruppen jede menge spießer – vielleicht zum ausgleich zu ihrem randgruppendasein.
        was hat das schwer oder leicht über die trennung von einer großen liebe wegkommen mit dem spießertum zu tun??

        Gefällt mir

      • Jede Beziehung war von ihrer Natur her anders und hatte deswegen ihren eigenen romantischen Ort. Mal ne Bibliothek, mal ne Parkbank, mal ein Berg oder ein Felsen. Je nachdem. Für mich war der Ort einer Beziehung sowas wie heilig und ich wollte ihn nicht entwerten.

        Gefällt 1 Person

      • ich meinte nicht den ort, wo ich eine liebe kennenlernte, sondern wo man seine spaziergänge machte oder essen/einen trinken ging oder ausflüge hin machte. natürlich gab es immer mal unterschiede bei der ortsauswahl. der philosophenweg war aber schon einer jener orte, die ich gern mit den frauen, die ich liebte, teilen wollte.

        Gefällt 1 Person

      • Das muss am Namen liegen. 😁 Bei mir waren das aber tatsächlich immer verschiedene Lokalitäten, wo ich mit der damaligen Beziehung war. Je nachdem auch, wo er wohnte.

        Gefällt mir

      • Und du hast immer darauf geachtet, dass du die neue Liebe an andere Orte/Stadtteile etc. führtest? Unglaublich…
        Ich wollte mit der Frau, die ich liebte, immer auch meine Vergangenheit teilen. Dazu gehören selbstverständlich meine Lieblingsplätze, meine Lieblingsmusik und -Literatur. Und dann auch meine Arbeit und meine Freunde.

        Gefällt 2 Personen

      • Okay, klar habe ich ihm meinen Lieblingsplatz gezeigt. Erstens hat sich auch der verändert mit den Jahren. Und zweitens – wenn ich einem meinen Lieblingsplatz gezeigt habe, war das für mich kein romantischer Ort. Ein romantischer Ort war für mich mehr ein gemeinsamer Ort, den man zusammen entdeckt zum Beispiel.

        Gefällt mir

      • romantische orte können alle orte sein, die man gemeinsam erforscht, wo man sich näher kommt. meine lieblingsplätze schließe ich da nicht notwendigerweise aus. das kann auch meine wohnung sein.
        ich sehe das nicht so verkrampft. jedenfalls im normalfall – also, wenn meine letzte liebesbeziehung bereits eine gute weile zurückliegt. und meist ist das ja auch so. ich wechsele selten die liebschaften von heute auf morgen…
        vieles verändert sich. das erlebte ich bei meiner reise in meine alte heimat. aber die orte bleiben doch weitgehend gleich. sie konservierten die zeit. nicht überall freilich. aber wenn du meine jetzigen fotos von heidelberg anguckst, so unterscheiden sie sich kaum von fotos von vor 30 jahren. nur marginal. oder in der innenstadt dadurch, dass in einer ehemaligen kneipe heute eine sushi bar ist.

        Gefällt 1 Person

      • Ja, aber trotzdem, die Orte bleiben gleich, aber mit verschiedenen Orten verbinde ich verschiedene Phasen meines Lebens und verschiedene Lieben. Klar, das Bett kann dasselbe sein. Aber sein Bett ist auf jeden Fall ein anderes für mich.

        Gefällt mir

      • es gibt für mich auch verschiedene lebensphasen am gleichen ort. ich wurde 1962 in meiner „alten heimat“ geboren und lebte dort bis 2014. es spielte sich dort sehr viel wichtiges für mich ab… auch in der liebe mit unteschiedlichen partnerinnen.

        ich denke, wir reden irgendwie aneinander vorbei, nell.
        macht nichts. dir noch einen schönen sonntag!

        Gefällt 1 Person

      • Oh, das ist lang. Ich hab nur in meiner Jugend und anfangs im Erwachsenenalter in der alten Heimat gelebt, da konnte man noch alles gut aufteilen ortsmäßig. Wünsche Dir auch noch einen schönen Sonntag!

        Gefällt mir

      • danke. wenn du „aufteilen“ sagst, gruselt es mich. als könne man die welt aufteilen…* nach dem motto: diese liebe gehört da, und die andere dort hin.
        ich habe eine grundsätzlich andere sicht auf die liebe und die welt.

        *ich besitze nur eine identität und nur ein leben

        Gefällt mir

      • Ich hab auch nur ein Leben. Aber ich verbinde mit verschiedenen Orten verschiedene Menschen und Beziehungen. In meinem Kopf ist das aufgeteilt und nichts an demselben Ort. Für mich ist da nichts gruseliges dran.

        Gefällt mir

      • Logo, dass es für dich ganz normal ist. Ich mache Liebe nicht von Orten abhängig. Und jede echte Liebe, die ich habe, verbinde ich mit allen meinen Orten. Und das wünsche ich mir im Gegenzuge auch von ihr.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.