COLD AS ICE

Nicht dass Heidelberg eine überragend schöne Stadt ist… Sie war einfach die erste, die ich in meinem Leben sah und das Attribut Stadt verdiente. Vor allem wegen ihres Alters und der Uni. Noch wunderbar übersichtlich in seiner Ausdehnung. Metropolen wie Berlin erscheinen mir im Vergleich als riesige, unüberschaubare Misthaufen…
Gegenüber der Kleinstadt (Anfang der Sechziger noch Dorf), in der ich geboren wurde, war in den Augen eines Heranwachsenden Heidelberg jedoch unvorstellbar groß und geschäftig. Allein der brausende Autoverkehr und die breiten Straßen zeugten davon. Uns Bübchen und Mädchen zog es erstmal nach Heidelberg. Dort meinten wir damals, gehe die Post ab. Wo denn sonst? So einfach war damals noch Abenteuer! Die Pickel sprießten, und wir lechzten nach unseren ersten sexuellen Erfahrungen.
Ich trampte die 15 Kilometer nach Heidelberg. In den Siebzigern ging das noch. Überall an den Ortsausgängen standen Tramper. Wir hatten nicht genug Kröten, um uns Bus und Straßenbahn zu leisten – wir brauchten unser ganzes Taschengeld fürs Saufen. War einer von uns pleite, durfte er selbstverständlich bei seinen Kumpels mittrinken. Das war echte Solidarität!
Meist fiel das Abenteuer in Heidelberg ziemlich kurz aus. Entweder waren wir bereits zu betrunken, als wir starteten, oder uns ging das Geld aus. Der Nachhauseweg in der Nacht war dann oft eine Odyssee. Vor allem im Winter. Rückblickend hätten wir uns alle diese Ausflüge sparen können.
Ich war oft alleine unterwegs. Was gab es Aufregenderes, als mit fünf Mark in der Tasche nach Heidelberg zu trampen und am frühen Morgen durchgefroren zurück zum Elternhaus zu kommen? Meine erste Liebe lernte ich dagegen ganz konventionell in der Neunten kennen, als ich ein Jahr wiederholen musste. Von wegen „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“.
Ein einziges Mal hatte ich eine kurze Liaison mit einer 29jährigen Studentin. Eine Schwäbin, 10 Jahre älter als ich. Sie wohnte im letzten Haus der Krämergasse unterm Dach. Ihr Geld verdiente sie als Tellerwäscherin im Palmbräu, wo ich sie nachts abholte… Wenn ich daran zurückdenke, kommt mir diese Zeit total irrwitzig bis irreal vor. Das war Anfang der Achtziger. In den Kneipen wurde Foreigner gespielt „Cold as Ice“ oder Fischer Z „Cruise Missiles“. Nur so als Beispiel. Richtig gute Musik.

Vierzig Jahre später, also heute, war ich auf Spurensuche in Heidelberg. Okay, vielleicht etwas übertrieben – Ich schlappte einfach durch die Stadt und machte mir so meine Gedanken.
Die Wege waren noch da. Auch viele Orte. Meine Augen freuten sich. Ich hatte Glück mit dem Licht. Der Neckar unverändert in seinem Lauf vom Odenwald in die Ebene. Das Heidelberger Schloss thronte wie immer an seinem Platz darüber. Die Brücken ganz dieselben. Die Kirchen und Fassaden in der Altstadt. Der Philosophenweg. Der Heiligenberg und Königstuhl als höchste Erhebungen zu Seiten der Stadt. Überall begegnete ich meinen Fußspuren. Ich war ein Gespenst aus einer anderen Zeit kommend. Niemand sah mich. Der Tod machte den Bartender. Er zapfte mein Bier und reichte es mir mit den Worten: „Was hast du denn erwartet?“

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Heidelberg

 

14 Gedanken zu “COLD AS ICE

  1. nein, ich bin nicht in diesem sinne enttäuscht – nicht von heidelberg… auch nicht von wiesloch, wo ich geboren wurde, und wo ich meine eltern auf dem friedhof kurz besuchte. wie schon zu lebzeiten – eine stippvisite. na ja… es gibt nicht mehr viel zu sagen. es bleibt der monolog mit dem eigenen leben, mit seiner schuld und der schuld der anderen. kann man das überhaupt durchschauen? was hilft einem der rückblick?
    und heute stehe ich hier, so wie ich bin. vielleicht so, wie ich immer schon war. wer soll das beurteilen?
    der tod ist ein idiot, dass er mir sowas sagt. und doch: was für ein gefühl, wenn man anhand der orte zurück in die vergangenheit reist?
    enttäuscht bin ich von allem, von den menschen… und von meiner existenz. das wäre aber woanders ebenso gekommen, denke ich.
    was bedeutet meine vergangenheit für mich? wer formte mich?

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      • Ich denke, man sollte immer vorwärts schauen. Allerdings reflektiere ich auch über das was ich gemacht habe, was andere gemacht haben. Aber – eigene Schuld, fremde Schuld – man macht sich fertig damit. Ich meine nicht, dass man alles ignorieren soll – ich bewerte meine eigenen Fehler auch und nehme mir dann vor sie nicht wieder zu machen, aber ich schimpfe dann nicht ständig mit mir. Und ich sehe auch, wenn andere böse zu mir sind und mir nicht gut tun oder was schlechtes mit mir gemacht haben. Wenn ich mich nicht mehr wehren kann, weil es vorbei ist, dann schau ich, dass ich diese Menschen aus meinem Leben schaffe. Ich habe nur das Eine und das versuche ich mir schön zu machen. Klappt nicht immer, aber versuchen kann man es.
        In die Vergangenheit anhand von Orten zu reisen, das kann ich sehr gut verstehen und nachempfinden. Das mache ich auch manchmal, eher unbewusst, aber mache es. Und ja, dann ist man auch traurig (verpasste Gelegenheiten), wütend (die mir weh getan haben) – das lasse ich dann auch zu, aber nach einer Weile schiebe ich es weg, weil ich nicht möchte, dass meine Vergangenheit mein Jetzt und meine Zukunft bestimmt. An diesem bescheuerten Satz – heute ist der erste Tag Deines Lebens – ist auch ein kleines bisschen dran. Versteh mich aber richtig – es gibt natürlich Sachen, die man nicht beeinflussen oder wegschieben kann – Krankheiten und so. Da bin ich bis jetzt von verschont worden. Klar wird man von der Vergangenheit und den Erlebnissen / Geschehnissen beeinflusst, aber es darf nicht die Oberhand / Kontrolle gewinnen. Ich entscheide, wie es weitergeht.
        Also so ähnlich 🙂

        Gefällt 2 Personen

      • ist halt auch die frage, wie viel mist man in seinem leben erlebt hat – selbstverschuldet oder von anderen verschuldet. es ist nicht so, dass ich ständig darüber nachdenke. ich bedaure außerdem nichts. shit happens. natürlich bedaure ich, wenn ich jemanden ungerecht behandelte. kommt leider vor. man schlittert so durchs leben… nicht immer hat man alles unter kontrolle. im großen und ganzen hatte ich allerhand glück und konnte mich immer wieder aufraffen, wenn ich festsaß oder am boden war, auch hilfe annehmen.
        ich denke oft grundsätzlich über das leben nach. dabei auch darüber, was für ein mensch ich bin – warum ich der bin, der ich bin, nämlich mitunter ein ganz schöner dickkopf. den brauche ich aber auch…, denn da ist eine feinfühligkeit gegenüber der welt, die ich mir gern bewahren will. was gibt es wertvolleres, als die welt zu erfühlen und aus sich heraus kreativ wiederzugeben/abzubilden? allzu viele menschen befinden sich auf dem materialistischen trip. mir fehlt oft die leichtigkeit, das gebe ich zu… darin bist du meisterin. ich bin ein verdammter grübler. schwermut und melancholie gehören zu meinem wesen. da tut mir die gesellschaft von humorvollen, vorwärtsgewandten menschen wie du zwischendurch ganz gut.
        mal sehen, wohin die reise 2020 geht…

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    • gewisserweise bin ich auch von den orten enttäuscht, wie sie sich in den letzten jahrzehnten veränderten. weil sich alles so scheiße weg vom individuum hin zum kapitalismus gesteuerten zombie entwickelt. selbst bei den intelligenteren artgenossen. mir erscheint alles zunehmend inhaltsleer. aber die orte selbst sind schuldlos daran. es liegt an uns… wir gestalten die orte.
      ich erinnere mich an „wertvollere“ zeiten als heute.

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    • peter fox sagt mir nichts.
      heidelberg war mal toll – in den 70ern. aber das lag an den menschen. orte wandeln sich mit den menschen und der gesellschaftlichen entwicklung. aus meiner perspektivischen rückschau leider nicht zum besseren. auf orte bezogen bedeutet das, dass die innenstädte veröden, die dort wohnenden menschen herausgedrängt werden, die kneipenkultur abnimmt, geschäftsketten einzug halten, kreativität und innovation abnimmt, billiger konsum und fastfood zunehmen…
      das gilt nicht nur für heidelberg. in berlin sieht man die gleiche entwicklung bloß in größerem rahmen. es kann sich selten wo eine nachhaltige kultur entfalten. das geld regiert, und die zeit wird immer schnelllebiger.
      „cold as ice“ – damals fing es an mit dem überbordenden kapitalismus…

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      • gegen die globalisierung habe ich gar nichts. sie findet aber in der hauptsache über die märkte und das geld statt. viele menschen werden dabei abgehängt.
        ich sehe leider in keine besonders positive zukunft…, was freilich eingehender zu erörtern wäre – ist schließlich meine persönliche sichtweise.

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