Freitag

Als am Montag mein Arbeitstag begann, überkam mich das wahnsinnige Gefühl, dass alles gar nicht wirklich war – auch ich selbst: Was mache ich hier? Wer bin ich eigentlich? Wer stellt diese vermaledeiten Fragen? Dieses „Ich“ ist eine Farce, nichts als ein Witz…,dachte ich und fand keine Antwort.
Ich zählte die Tage runter bis Freitag. Die Tumorfälle flutschten durch meine Hände wie nichts. Die Hühner erstaunlich unanstrengend – ich mag sie irgendwie, und mittlerweile denke ich, dass sie auch mich mögen.
Seltsam, wie einem eine Woche elend lang und gleichsam kurz erscheinen kann. Ich schleppte mich durch. Müde bin ich. Ein paar Kolleginnen und Kollegen gehen heute nach Feierabend essen… Sie sollten jetzt unterwegs sein. Ich bin im Pub. Ich wollte eigentlich dabei sein. Ich versprach es. Jetzt sitze ich hier an der Bar und schaue raus auf den Betrieb in der Potsdamer Straße. Vor mir steht das Bier, das sich in regelmäßigen Abständen erneuert. Verhalten grüße ich den ein oder anderen Gast, der eintritt. Man kennt sich, ohne sich zu kennen. Man redet oder schweigt nebeneinander.
Schön, dass Freitag ist. Ich bin so müde. Ich weiß, das sagte ich bereits. Mindestens zur Hälfte ist es die Welt, die mich müde macht. Ich und meine Fragen sind die andere Sache. Und sicher auch das Bier… Egal. Eins geht noch, bevor ich mich zurückziehe. Alles ist gut. Oder auch nicht. Was spielt es für eine Rolle? Ich bin lediglich ein Abziehbild. Ich bin eine Kreatur, die am Tellerrand abhängt. Weil die Suppe nicht schmeckt – diese Brühe, die meine Mitmenschen allzu bereitwillig schlucken…

Ich stelle mir eine Welt vor, in welcher meine Geburt nicht vorgesehen ist. Das wäre die beste aller Welten.
Natürlich sage ich das nur, weil ich das Dasein ums Verrecken nicht kapiere, weil ich von der Liebe enttäuscht bin, weil ich so verflixt wenig Ehrgeiz habe, weil ich mich in diesem materialistischen Wahnsinn fremd fühle…, weil ich gewissermaßen lebensmüde bin.
Ich muss trinken, sonst steht das Bier ab. Scheiß Gedanken. Wie eine Krankheit sind diese Gedanken.
Mir fehlt die Ablenkung, z.B. : meinen Kopf an den Busen einer Frau legen, sie riechen und ihren Herzschlag hören. Wie sehr mir das fehlt…
Müde bin ich. Verflucht müde. Und trotzdem sitze ich noch hier. Wer versteht das? Wahrscheinlich bin ich gar nicht ich. Etwas anderes steuert mich, womöglich der Teufel.
Noch ein Bier? Warum nicht. Ich habe Zeit. Zuhause wartet niemand. Nur ein Herd und ein Bett. Morgen kann ich ausschlafen. Und dann werde ich weiterschreiben. Für heute bin ich fertig.

6 Gedanken zu “Freitag

  1. Liebe ist auch nur ein durch körpereigene biochemische Prozesse verstärkter, überaus flüchtiger psychotischer Ausnahmezustand. Die Arbeitswelt zumeist gleichermaßen sinnloses, wie gesundheitshinderliches Tun zur Umverteilung von Reichtum von unten nach oben. Der Alk ist Betäubung und Flucht vor Verantwortung oder Nachdenken, welches womöglich die völlige Sinnlosigkeit allen Handelns und Glaubens offenbaren würde, bzw. die unaushaltbare und profane Banalität der Wahrheit.

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    • ist schon tragisch-komisch, dass ich hochparterre wohne…, aber es gibt ja brücken.
      wie man welt und leben wertet, ist einigermaßen beliebig. wenn man es auf physikalische effekte herunterbricht, bleibt freilich ein relativ funktionelles und banales weltbild, in welchem der mensch lediglich eine zeitlich begrenzte erscheinung ist, die einen affentanz aufführt.
      ich frage mich aber, warum es überhaupt etwas gibt. und warum ist in dieser „schöpfung“ ein lebewesen wie der mensch vorgesehen? wie ich es schrieb, wäre mir wohler, nicht geboren worden zu sein, um auf solche fragen und gedanken erst gar nicht zu kommen. aber nun bin ich offenbar auf irgendeine mir unerklärliche weise da, genauer gesagt für ein paar jahrzehnte auf dem planeten erde ca. 14 milliarden jahre nach dem urknall.
      selbstverständlich ist die psyche gewisserweise auch nur ein apparat wie unsere physis genau auf unsere biologische existenz abgestimmt, welche vordergründig der fortpflanzung dient. ziemlich viel aufwand. und auch hier frage ich lapidar: für was?
      ich würde behaupten, dass nicht nur die liebe psychotisch ist, sondern unser gesamtes leben lang (zustände wie demenz ausgenommen) befinden wir uns gewisserweise im wahn: das bewusstsein mit seinem „ich“ ist der tragende wahn. nur wird das für uns für normal befunden, weil es die allermeisten von uns betrifft. einige weniger andere mehr. es gibt menschen, die ihr „ich“ ziemlich gut vergessen oder abschalten können. sie leben auf der materialistischen oder ideologischen welle und fahren damit gar nicht schlecht. leider stellt mich ein solches (noch stärker fremdbestimmtes) leben nicht zufrieden. dann doch lieber beim biertrinken bleiben.

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      • Wirkliche Erkenntnis ist eigentlich immer schmerzhaft – denn „selig sind die geistig Armen… Um geistig arm zu sein, muss man nicht unbedingt minderintelligent sein – es reicht, reich an Ablenkung und/oder Besitz zu sein (Netflix/Kleinkinder/Pauschalurlaub/SUV/Briefmarkensammlung)… Bier funktioniert womöglich auch. Prost!

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      • bier alleine funktioniert nicht. also nicht bei mir. ich trinke, weil der alk die sache mit der existenz leicht dämpft und mich aus der verkrampfung holt…, was aber eine frage der dosierung ist. zu viel setzt mich geistig schachmatt. obwohl es auch höhenflüge geben kann. es spielt eine rolle, ob man alleine ist oder sich mit anderen menschen in einer entspannten atmosphäre befindet… das alles wirkt zusammen. kann auch sein, dass man einfach einen schlechten tag hat, trinkt, und der tag wird dadurch noch beschissener.

        was die leute nicht alles für erkenntnis halten… manche kennen nicht mal den unterschied zwischen wissen und erkenntnis. aber gut. jeder ist halt anders gestrickt. ich will mich nicht über meine mitmenschen erheben.

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    • das fremdheitsgefühl gegenüber welt und menchlichen umtrieben habe ich häufiger, – was ich aufgrund der zu beobachtenden menschlichen idiotie ganz gut nachvollziehen kann…
      aber dieses gefühl, welches ich kurz in meinem beitrag beschreibe, sich selbst fremd zu sein, sein ich/selbst wie von außen zu betrachten, als wäre es nur eine farce…, das ist schon gruselig. wahrscheinlich befindet sich das ich in einem fraktalen zustand – und in solchen momenten werden wir gewahr, dass ich nicht gleich ich ist.

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