Joker

Sehr düster. Und realistisch. Eine präapokalyptische kranke Gesellschaft, in der sinnlose Gewalt an der Tagesordnung ist. Gotham City könnte jede Metropole sein. Im Mittelpunkt ein psychisch angeschlagener Typ, der sich mit Clown-Jobs über Wasser hält. Die vielen kleinen und großen Demütigungen im Alltag verkraftet er bald nicht mehr. Hinzu kommt, dass er auf der Suche nach seiner Vergangenheit und Herkunft seelisch einbricht. Statt Erlösung und menschliche Wärme erfährt er Abstoßung und Kälte. Nach einem gescheiterten Comedian-Auftritt macht sich sogar sein großes Fernsehidol über ihn lustig. Er verliert seinen Job und fühlt sich von aller Welt betrogen. Schließlich löst er sich von den letzten Refugien, die ihm etwas bedeuteten und lieb waren. Er erstickt seine kranke Mutter mit dem Kopfkissen und erschießt sein Fernsehidol in dessen Show. Draußen wütet der Mob auf den Straßen. Ohnmacht, Wut und Verzweiflung brechen sich zügellos Bahn… Der dämonische „Joker“ ist geboren. Die Verwandlung abgeschlossen. Endlich befreit! Befreit von den Lügen, der Doppelmoral, der Selbstgefälligkeit… Der „Joker“ tanzt auf der Motorhaube eines Polizeiwagens, zieht mit den Fingern seine blutigen Mundwinkel hoch und lacht in die tobende Menge. Besser an den Antichristen glauben als an nichts. Endlich mal einer, der Schluss mit alldem macht. Der „Joker“ ist authentisch und keine Abziehfigur. Dafür wird er verehrt. Eine kranke Gesellschaft hat den passenden (Anti-)Helden gefunden.
Joaqin Phoenix spielt die gebrochene Hauptfigur hervorragend! Besser geht`s kaum. Der Film ist in sich stimmig und konsequent. Passt alles: Kamera, Licht, Maske, Filmmusik. Die Nebenrollen verblassen freilich neben der allgegenwärtigen und dramaturgisch bestens vorgetragenen Katharsis des Hauptprotagonisten.
Ich hatte nicht unbedingt vorgehabt, ins Kino zu gehen. Ich wollte den Nachmittag unter freiem Himmel verbringen. Leider verabschiedete sich die Sonne während meiner Biersitzung im Park, und so entschloss ich mich kurzfristig, die Sitzung ins Kino zu verlagern. Der Film lief im großen Kinosaal. Um mich herum ein Haufen junge Türken und Araber, die Mädels mit Kopftuch… Überhaupt viel Popcorn schmausendes junges Publikum. Ich war bis zum Filmbeginn (nach gefühlt einer Stunde Werbung) nicht sicher, ob ich im richtigen Saal saß. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses pubertäre, kichernde Volk den Grips für diesen Film hatte. Wahrscheinlich gingen die meisten mit falschen Erwartungen in die Vorstellung. Ich machte mir einen Spaß daraus, an Stellen, die wirklich nicht zum Lachen waren, jokermäßig loszulachen – hahaha! Da hat sich sicher die ein oder andere Kopftuchmaus an ihrem Popcorn verschluckt.
Als ich das Kino verließ, war es dunkel. Der Potsdamer Platz, die vielen Menschen, der Verkehr, die Lichter, die riesigen Werbebanner… Ich fühlte mich wie in Gotham City. Man sollte hier auch mal aufräumen, dachte ich bei mir und radelte flugs nach Hause.

21 Gedanken zu “Joker

  1. Danke für die Zusammenfassung! Ich werde mir den Film aber definitiv nicht antun, habe schon zuviel über wegen der Gewaltdarstellungen geschockte Besucher gelesen. Ich würde dazugehören, und das muss ich nicht haben.

    Liken

    • was die gewaltdarstellungen angeht, da ist jeder doofe thriller im tv mindestens genauso schlimm. was bei „joker“ die weichgespülten zuschauer schockiert, ist die eindrückliche und gespenstische atmosphäre dahinter – die fratze, die einem den spiegel vorhält.

      Gefällt 2 Personen

      • ich auch. aber eher empfindlicher, was die realtität angeht…, die wesentlich brutaler ist.
        ein film bleibt fiktion und kann wie im fall von „joker“ den finger auf eine wunde legen – wie krank doch der menschliche irrsinn auf der welt ist, und wie wir alle darin gefangen sind.

        Gefällt 1 Person

      • das ist doch dasselbe wie mit einem guten buch, in das man sich einfühlt. es ist (nur) eine vorgespiegelte realtität/welt. wenn ein film oder ein buch gut ist, dann kann es uns besonders in besitz nehmen, uns aufrütteln und zum nachdenken bringen. aber das ist doch nichts schlechtes… finde ich.
        ich brauche keine weichgespülte version der realität – die bringt mich geistig/emotional nicht weiter.

        Gefällt 1 Person

      • Wer Hardcore braucht, soll es bekommen. Ich würde mich manchmal ganz gerne von der Realität erholen. Aber… Jeder, wie er’s möchte. Keiner lebt das Leben des anderen und jeder hat eine andere Vorgeschichte.

        Gefällt 1 Person

      • mit rosamunde pilcher von der realität erholen? ne, das wäre wirklich nichts für mich – dann lieber hardcore*, wie du es nennst.
        keine frage, dass jeder machen und genießen soll, was er will. gefallen muss mir der tumbe mehrheitsgeschmack aber nicht. ich finde die welt verblödet genug.

        *für mich ist weichgespülte unterhaltung, wie sie massenweise auf den fehrsehkanälen läuft, hardcore…

        Gefällt 1 Person

  2. Nach 9 Jahren Kinoabstinenz (Zeitmangel/temporärer Geldmangel/räumliche Entfernung zu Lichtspielhäusern/Interessenprioritäten) könnte mich dieser Streifen glatt wieder ins Kino locken… Popcornfressende „Kopftuchmäuse“ allerdings eher nicht. 😉

    Gefällt 1 Person

  3. Wer Jack Nickolson 1989 in „Badman“ und Heath Legder in „The Dark Knight“ (2008) der Rolle des Jokers gesehen hat, für den ist es wohl ein Muss, sich auch die Vorgeschickt des „Joker“ anzusehen. Den 2. Film hat mein Sohn mir „aufgezwungen“ und den Joker wird er mir wohl auch „aufzwingen“. 😀 . Er hat es mir schon „angedroht“ 😀 Im Kino kommt ja alles eher mächtiger und gewaltiger rüber.

    Aber Bo., wie du den Film beschrieben hast, ist der Film eine Art Psychogramm. Was muss mit einem Menschen alles passieren, bis er gewaltig um sich schlägt oder schießt?

    In den Medien konnte man schon vor ein paar Tagen lesen, dass in Amerika viele Menschen den Film in Panik verlassen hatten, so unerträglich fanden sie die Spannung. Und das in einem Land, in denen eine ganze Menge auch Sturmgewehre unter den Bett oder eine oder 2 Pistolen in der Nachttischschublade liegen haben. Wo kommt denn die Empfindlichkeit in „Joker?

    LG La We

    Liken

    • Die Amerikaner sind oberflächliche Deppen. Die können mit solchen tiefgehenden Filmen nichts anfangen. Lieber gucken sie Streifen wie Pearl Harbour…, wo es viel mehr scheiß Gewalt gibt. Nur nicht an der eigenen Seele rühren, nur keine Kritik am eigenen Arsch, und schon gar nicht so subtil wie bei Joker. Diese Flucht vor der Sensibilität gilt freilich nicht nur für die Amerikaner, sondern für uns alle…

      Liken

      • ja..das stimmt..Filme in denen Amerika die Welt rettet oder einer mit der amerikanischen Fahne in der Hand für sein Land und die Welt dem Tod entgegen geht – ich denke dabei an Armargeddon – so was lieben die Amerikaner…weil die Patrioten aus Amerika kommen ? Naja, wohl eher nicht. Dabei denke ich sofort an Trump, der es sogar mit Lügen – alternative Fakten – bis an die Spitze des Landes gebracht hat.
        Filme mit solchen soften Inhalten haben auch ihre Daseinsberechtigung. Würden wir uns tagtäglich die Schlechtigkeiten der Welt reinziehen, würden wir wohl vor der Welt davon laufen.
        Solch ein Psychogramm im Film wird vielleicht jeden fragen, was muss mir alles passieren bis das Leben aus mir ein Monster gemacht hat? Ab wann kippt das Vertrauen an das Gute in Menschen ?

        Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.