So ist er

Meine Bürokollegin zieht mich bei jeder sich anbietenden Gelegenheiten damit auf, dass ich jeden erstmal in Schutz nehme. Sie dagegen hetzt schon mal gern gegen andere Hühner, weil die aus ihrer Sicht schlecht arbeiten. Vielleicht kann sie das aus ihrer Erfahrung heraus besser beurteilen als ich. Ich rutsche dann schnell in die Position, dass ich sage „Jeder macht mal Fehler“ oder „Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag“ oder „Sie macht das doch nicht absichtlich“. Dass meine Kollegin nicht nur sachlich, sondern vor allem emotional wertet, merke ich daran, dass sie sich über den Mist, den ich baue, nicht aufregt – im Gegenteil findet sie noch vor mir Entschuldigungen für meine Fehler. So nimmt sie jene Personen in Schutz, die sie mag, kritisiert aber übermäßig jene, die nicht zu ihrem Dunstkreis gehören.
Ich mag eine solch sympathiegeleitete Grüppchenbildung am Arbeitsplatz nicht. Sowas schafft nur Unruhe und Feindschaft. Muss das eigentlich sein, dass es in größeren Gruppierungen immer diese Aufspaltungen mit den damit verbundenen Animositäten gibt? Wenn ich merke, dass Vorurteile mit im Spiel sind, steuere ich automatisch dagegen. So war ich schon immer. In der Schule hielt ich zu den Außenseitern, wurde zwischenzeitlich selbst zu einem. Aber ich biss mich irgendwie durch. Zum regelrechten Mobbing-Opfer wurde ich nie. Im Großen und Ganzen habe ich das Gefühl, dass man mich als Person meist respektiert.

Ab und zu redet man auf Arbeit auch mal über gesellschaftliche Themen. Gabi, echt Berliner Schnauze und von uns geachtete Kollegin, war gerade zum Plausch. Es ging um die Flüchtlinge, die nach Europa und insbesondere nach Deutschland strömen, und ich machte meiner Meinung Luft. Ist es nicht unsere christliche und zivilisatorische Pflicht, Menschen in Not Asyl zu geben? Stattdessen nehmen wir es hin, dass diese Menschen an den europäischen Außengrenzen abgewiesen oder unter dubiosen Umständen zurückgebracht werden. Wir nehmen es hin, dass jeden Tag Menschen quasi vor unserer Haustür im Mittelmeer ersaufen. Was ist nur mit unseren Werten?
Meine Kollegin und Gabi schauten sich kurz an und lachten. „So ist er“, meinte meine Kollegin lapidar. Ich schwieg und setzte meine Tumordokumentation fort. Alles Todesmeldungen.

 

5 Gedanken zu “So ist er

  1. Hallo Bo.,
    was die Flüchtlinge betrifft. komme ich mal mit einem Zitat von Gysi daher. „Wir leben auf Kosten der armen Länder und wundern uns, wenn die Armut bei uns anklopft“ Mit anderen Worten gesagt, wir Deutschen plündern und wundern uns, warum die Ausgeplünderten zu uns kommen .

    Dazu ein paar Fakten.
    1. Deutschland hatte 2019 seinen Erderschöpfungstag schon am 3. Mai
    2. Global wurde in 219 der Erderschöpfungstag schon am 29. Juli erreicht.

    D.h. Deutschland lebt schon seit Monaten auf Pump und das geht nicht nur auf die nächste Generation, sondern auch auf Kosten der armen Länder.
    Also müssen wir uns nicht wundern, wenn die Menschen der armen Länder zu uns kommen wollen. Aber das ist nur ein Blick auf die Kompliziertheit der Welt, die die Armut in schwachen Ländern durch wirtschaftliche Ausbeutung der Industrieländer auslöst. Dazu kommt noch, dass in diesem Ländern statt Demokratie der Autoritarismus vorherrschend ist. Das schürt zusätzlich schwere Konflikte.

    Wir leben nicht nur in der Komfortzone der Welt, sondern auch in einer Blase, deren Bewohner sich durch die Flüchtlinge nun gestört fühlt. Deshalb werden moralische Appelle wenig nützen.

    Der Mensch wird erst mobil, wenn unter seinem Arsch das Feuer brennt oder durch Hochwasser ihre eigenen Felle weggeschwemmt werden. .
    Das drohende Unheil, bedingt durch den Klimawandel. will keiner sehen, das ist komisch. Eigentlich sollten wir langsam in Panik geraten.

    Aber zum Glück gibt es jetzt eine 16 jährige, die die Bequemlinge aufschreckt, aber denen erst mal nichts besseres einfällt. als sich über die lustig zu machen. Sie hat natürlich nichts an der Klatsche und wird auch nicht von ihren Eltern wirtschaftlich verwertet. Ich las von 1 oder 15 Jahren ein Buch über Umweltschutz und als ich das Buch zuklappte, mein Kopf begannt , eins uns eins zusammen zu zählen, geriet ich in Panik, wie Greta Thunberg es uns nahe bringen will.

    In der Straßenbahn werde ich des öfteren ungewollt Zeuge von Gesprächen, in dem der eine sich über die Faulheit eines anderen Kollegen beklagt. Wahrscheinlich braucht der Mensch das sich selber aufwerten.

    Ich mache seit Jahren, wie du weißt, Kindertraining und dabei habe ich festgestellt, das die Mehrheit der Menschen sich nicht wesentlich ändert, wenn er ins Erwachsenen Leben eintritt. Schon unter den Kindern finden sich einige, wenn auch nur wenige, die ein absolutes Soziaverhalten an den Tag legen, aber die meisten sehen nur sich selbst. Und es gibt, wenn auch nur wenige, die selbstkritisch und selbstreflektiert sind, aber die meisten sehen nur die Fehler der anderen und versuchen dabei permanent die aufgestellten Regel zu umgehen.
    Genau das sehe ich auch bei den Erwachsenen, wenn auch geschickt kaschiert 😀

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    LG La We

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    • Ich kann deinen Ausführungen nur zustimmen. Weil wir manche wichtigen Dinge ähnlich betrachten…, wurden wir, glaube ich, zu Freunden.
      Ich sehe zu viele Menschen in meinem Umfeld, die das Ganze relativ oberflächlich betrachten. So war es schon in meinen Zeiten als Schüler und junger Mann. Bestenfalls belächelte man mich mit meinen Aussagen. Dass wir Menschen uns die eigene Lebensgrundlage kaputt machen, war mir schon in den Achtzigern klar. Vielen anderen auch. Es geht immer um Macht. Ich hoffte nach den 68ern auf eine anarchistischere Gesellschaft. Leider wurde dieses Projekt von denselben Leuten ausgebremst, die ehemals für die Freiheit demonstrierten. Sie leckten den süßen Arsch des Kapitalismus.
      So verwundert es mich nicht, dass wir trotz besseren Wissens heute da sind, wo wir sind. Das haben wir all den Heuchlern zu verdanken. Sie sind klug und finden immer neue Ausreden, die Wahrheit zu umgehen. Sie scheißen dabei sogar auf ihre eigene Nachkommenschaft.

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  2. Ich hab mich auch meistens mit Außenseitern angefreundet. Bin auch irgendwann selber einer geworden. Wobei, inzwischen nicht mehr so, hab halt nicht so viele Freunde. Ich mag Außenseiter, sind die sympathischeren Menschen. Mobbing hab ich mal ansatzweise erfahren, aber vom Chef. Bin dann schnell da weg. Von mir sagen auch manche, dass ich immer die Anderen in Schutz nehme („Immer bist Du nur für die Anderen!“). Naja, versuche immer, alle Seiten zu verstehen, da passiert das schonmal.

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