Auf der Biermeile

Quer durch Berlin zu radeln, ist eine Herausforderung. Wiedermal wurde mir bewusst, in was für einer berstend vollen Wahnsinnsstadt ich lebe. Der mittlerweile vertraute Kiez vermittelt mir das nicht in dem Maße. Wenn man also durch Berlin radelt, muss man alle Sinne hellwach halten. Nach einigen Bier auf der Biermeile freilich nicht mehr ganz einfach. Ich war froh, als ich wieder in vertraute Gefilde kam. Zuletzt noch ein Bier im Biergarten am Gleisdreieck, und der Kanal war voll.
Zu viele Menschen, zu viele Rüben, zu viel Verkehr, zu viele Ampeln, zu laut, zu wuselig… zu viele Eindrücke.

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Ich machte mein Fahrrad an einem Straßenschild fest und schlappte los, trank da und dort einen Halben in der Sonne (die Preise waren horrend) … Mir reichte es bald. Wenn ich was nicht mag, dann ist es Gedränge. Wo ich auch stehenblieb, stand ich jemandem im Wege. Nicht dass ich vom Bierfest enttäuscht war, ich kannte es schon von früheren Besuchen. Es sollte einfach ein Ausflugsziel sein, um mir den Samstagnachmittag um die Ohren zu schlagen.

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Auf solchen Massenveranstaltungen gerate ich automatisch in einen inneren Konflikt. In der Regel hege ich gegenüber meinen Mitmenschen Gefühle wie Zuneigung und Anteilnahme – ich gehöre schließlich zur selben Spezies… Ich kann stundenlang im Biergarten sitzen und meine lieben Mitmenschen betrachten. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Ab einer gewissen Dichte kippt die eigentlich positive Stimmung in mir. Die Menschen um mich herum verwandeln sich in oberflächliche, widerliche fressende und saufende Kreaturen. Ekel erfasst mich, und ich verlasse fluchtartig diesen Ort. Nur weg von hier!
Ähnlich kann es mir auch in Shoppingcentern, Fußgängerzonen oder auf von Menschen überfluteten Plätzen gehen. Mich zieht es dann an ein ruhiges Plätzchen in einem Park oder in eine mäßig besuchte Kneipe.
Ich halte meine Reaktion für völlig normal… Seltsam diese Welt – für viele kann es nicht voll genug sein. Verstehe ich nicht.

13 Gedanken zu “Auf der Biermeile

  1. Geht mir auch so, zu viele Menschen pro Quadratmeter, da will ich automatisch die Flucht ergreifen. Bin da aber sicher noch viel empfindlicher als Du. Mir tut da das Wohnen im Dorf genau richtig gut, da ist alles überschaubar für mich.

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    • ich frage mich nur, wie das bad in der menge überhaupt jemand genießen kann. was ist bei diesen menschen anders als bei mir?

      ein dorf wäre mir auf dauer zu öde. da würde ich mich abgeschnitten von der welt fühlen. eigentlich liebe ich die vielfalt und buntheit der menschen… berlin ist freilich extrem – gerade im sommer, wo außerdem sehr viele touristen die innenstadt fluten.

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      • zwischendurch ein wenig ödnis tut auch mir gut – das erlebe ich regelmäßig auf meinen fahrradreisen. ich liebe es, übers land zu fahren, wo es kaum straßen und häuser gibt. ich liebe es, in der natur zu verweilen…
        gegen touris habe ich nur dann was, wenn sie gehäuft in gruppen durch die stadt geschleust werden. ich hasse diese art des tourismus, wo auf teufel komm raus alles „sehenswerte“ geknipst wird, dazu diese bescheuerten selfies… ich hasse den obeflächlichen konsum-geist dahinter.

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      • Bei mir ist es eher anders herum. Ab und zu bisschen Großstadt find ich schön, aber grundsätzlich lieber Ruhe.
        Knipsen tu ich auch viel als Touri, aber so Selfies mag ich überhaupt nicht. Ich finde, die sehen auch einfach scheiße aus. Geben nix her. Aber so in Kirchen fotografieren tu ich schon gerne.

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      • sicher, ich habe mich in danzig auch dabei erwischt, dass ich ständig nach motiven zum knipsen ausschau hielt. ich war alleine unterwegs und hatte nicht viel anderes zu tun.
        soll ja jeder machen, was er will.
        außerdem sind wir menschen ziemlich ambivalent unterwegs, d.h. wir verhalten uns oft im widerspruch zu unserer originären moral und lebenshaltung. wir lassen uns verführen und passen uns an.

        ich hätte mir vor einigen jahren nicht vorgestellt, mal dauerhaft in einer großstadt wie berlin zu leben. die liebe zog mich her. und nun habe ich hier meinen neuen job und kann nicht einfach wieder weg. also versuche ich, mir das leben hier schönzureden.

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  2. Wie gut ich das nachvollziehen kann. Inzwischen meide ich so gut es geht jedwede Massenveranstaltung oder halte mich dort nicht lange auf. Neulich wollten wir zum Altstadtfest, aber als ich diese drängelnden Massen sah, sind wir gleich abgebogen und haben uns einen relativ ruhigen Biergarten gesucht. Ich weiß nicht, ob es bei mir am fortschreitenden Alter liegt, dass ich die Menschenmassen nicht mehr gut ertrage. Früher, als junger Hüpfer, hat es mir jedenfalls weniger ausgemacht. Aufs Dorf würde ich allerdings auch nicht ziehen, da geht es mir wie dir – wäre mir auf Dauer ZU ruhig und abgeschieden.

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    • wie war das bei mir in jüngeren jahren – so vor geschätzten 3000 jahren? also, wenn ich mich richtig erinnere, mochte ich noch nie orte, wo gedränge herrschte. drum war mir immer die kneipe lieber als die disco. und auf größeren konzerten war ich so gut wie nie. gefeiert habe ich aber auch gerne… am liebsten im freundeskreis oder in der kneipe. wenn ich schon unter menschen bin, will ich mich noch unterhalten können – in discos war es dazu viel zu laut. dann und wann ging ich trotzdem mit, wenn alles andere schon zu hatte, in schuppen, wo geile rockmusik gespielt wurde zum abtanzen.

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  3. Grob. Als ich in Berlin lebte, habe ich beim einmaligen Entlanglaufen auf der Brücke der Warschauer Straße über die Eisenbahn manchmal mehr Fußgänger gesehen, als hier und heute in drei bis vier Wochen insgesamt… Damals machte mir das nichts aus. Heute stressen mich solche Massen schon nach kurzer Zeit. Am liebsten würde ich sogar komplett im Wald, an einem einsamen See, alleine auf einem Berg, auf einer kleinen abgelegenen Insel, o.ä. wohnen – die umliegenden vier Häuser hier in meiner Straße sind mir noch zu viel… Mein Exil ist mir noch nicht „exilig“ genug… 😉
    Auf kurze Zeit als Tourist finde ich solch brodelnd urbanes Leben aber recht interessant – solange man innerlich gechillt bleibt und sich vom umgebenden Abgehetze nicht anstecken lässt. Wenn ich es selbst eilig habe, stressen mich solche Menschenmassen aber enorm, etwa bei Wochenendeinkäufen in großen und dennoch überfüllten Supermärkten – dann werde ich aggro und fühle maximalen Menschenhass.

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    • klar, das einsiedlerleben ist dein derzeitiger trip. ich kokettiere auch oft damit, vor allem dann wenn ich knut hamsun lese oder jack london…
      ich war schon immer ein eigenbrödler und damit gewisserweise einsiedler, auch wenn ich in der großstadt lebe. die kritische sicht auf meine mitmenschen verliere ich nicht, bloß weil ich den ort wechsele. im dorf würde ich die spießigkeit hassen. in der stadt dagegen hasse ich vor allem die kapitalistischen ausuferungen und die oberflächlichkeit und abgehobenheit vieler menschen.

      als kind fand ich die lektüre „robinson crusoe“ klasse. so würde ich gern leben. auch las ich gern „tarzan“. der war wenigstens nicht schwul, sondern hatte seine jane.
      du willst es also noch exiliger, hypermental. schon konkrete vorstellungen?

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      • Wenn ich genügend Kohle hätte, würde ich auf so eine winzige Schäreninsel (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schäre) vor der Schwedischen Küste ziehen und dort in einem Holzhaus leben. Mit Breitbandzugang zum WWW natürlich… 😁 (in Skandinavien ginge soetwas technisch sogar)
        Oder ein alter Bauernhof in den schottischen Highlands bzw. in Island.
        Richtig in einem Dorfkern könnte ich übrigens auch niemals leben, ich hasse Spießer und Vereinsmeierei! Oder Brauchtumspflege… 🤮
        Zum Glück besteht das Anhängsel „Niedergüllestunk“ des Dorfes „Obergüllestunk“ bis auf ein paar Bauernhöfe komplett aus zugereisten Städtern – die Speckgürtler sind mir graduell lieber, als die Dorfkerninzüchtler… 😉

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      • nicht ganz einfach, die richtige umgebung für sich zu finden. mir reicht eine kneipe mit halbwegs annehmbarem klientel (und guter musik). dazu noch ein paar nette kolleginnen/kollegen am arbeitsplatz… und mit etwas glück eine relativ unkapitalistische freundin, die passabel aussieht, gut kochen kann und nichts gegen meine trinkerei hat.
        mit dieser gemengelage könnte ich es überall aushalten.

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      • nach einem punktesystem von 0(sauschlecht) -10(hervorragend) in den drei bereichen (kneipe, arbeit, frau) würde ich mir derzeit folgende punktzahlen verleihen:
        kneipe: 6
        arbeit: 6
        frau: 0
        macht summasumarum 12 punkte bei 30 möglichen – nicht unbedingt befriedigend.

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