Sagen wollte ich noch

Als ich an der Absperrung stand, mein Bier trank und auf den Umzug wartete, durchströmte mich eine Welle des Stolzes, dass ich in einer solch aufgeschlossenen Stadt wie Berlin wohnte. Die Menschen (Jung und Alt), die beim CSD zusammenkamen, waren allesamt friedlich gesinnt und wollten nur eins: Für die Freie Liebe demonstrieren und Spaß haben. Nichts zu sehen von Rassisten, Nationalisten und anderem rückwärtsgewandtem Gesocks. Die hatten sich wahrscheinlich in ihre Mäuselöcher verkrochen oder betrachteten das Spektakel getarnt und kleinlaut vom Rande. Ich dachte bei mir: Bevor rechte oder islamistische Spinner in dieser Gesellschaft die Macht übernehmen, sind es die vielen toleranzgeprägten Menschen, die hier zusammenströmen, Schwule, Lesben, Transsexuelle… Mag sein, etwas zu viel Karneval, und die scheiß Technomusik ist auch nicht meins, aber was zählt, ist der weltoffene Geist dabei. Bei aller Kritik an dem oberflächlichen Gehabe meiner Mitmenschen, finde ich solche Events doch gut, weil sie für mehr Toleranz und Frieden werben. Ich halte es nur nicht lange im Getümmel aus. Egal ob mit oder ohne Bierbetäubung. Und auf Pillen stehe ich nicht.
War jedenfalls schön zu sehen, dass dieser Gesellschaft noch lange nicht der Sumpf rechter Ideologie droht – auch wenn einem bei manchen Nachrichten angst und bange werden kann. In Berlin jedenfalls ist Interkulturalität Programm. Und wem das nicht passt, der kann ja nach Hinterfurzingen ziehen*.

 

*frei nach Donald Trump

29 Gedanken zu “Sagen wollte ich noch

  1. Wenn die Polizei nicht so massiv präsent wäre, würden Fanatiker unterschiedlicher Couleur die CSD-Parade aufmischen. In streng-islamischen (wahabitisch geprägten z.B.) Ländern würden die Teilnehmer mit dem Tode bestraft, in streng-katholischen (wie Polen) von Gegendemonstranten verdroschen. Multi-Kulti funktioniert nur in einem säkularen Polizeistaat. Das ist der Preis dafür.

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    • schon klar, dass die polizei mitmarschierte. aber ich empfand gestern keine überpräsenz. die hatten vor allem mit den straßenabsperrungen zu tun. arschlöcher jedweder couleur hätten genügend möglichkeiten gehabt, die friedliche demonstration zu stören oder aufzumischen, wie du es sagst. passierte meines wissens aber nicht.
      säkularer polizeistaat? 1. leben wir in keinem säkularen staat wie z.b. die franzosen, und 2. kann ich hier noch lange keinen polizeistaat entdecken. die polizei ist eher an manchen brennpunkten unterrepräsentiert.
      es ist leider wahr, dass in vielen ländern wie polen, russland oder auch in islamisch geprägten ländern kein so toleranter umgang mit minderheiten herrscht. braucht halt alles verdammt viel zeit. und rückschläge gibt es leider auch. wir leben in einer arschlochwelt – was aber nicht heißt, dass die arschlöcher überall und immer die oberhand gewinnen müssen.

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      • Ich sehe eh alles ein bisschen schwärzer, seitdem ich auf Distanz zur Gesellschaft gegangen bin – so bin ich immer wieder überrascht, wenn sich im Alltag neue Begegnungen als nicht-arschlochig erweisen… 😉

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      • alles kann man eh nicht an einem menschen lieben…, insofern ist man zu kompromissen gezwungen, wenn man es sich nicht mit dem anderen verscherzen will. zwischen arschloch und nicht-arschloch gibt`s viele braun-/grautöne, je nachdem, auf was man bei einem menschen wert legt und welche rolle dieser mensch im eigenen leben spielt.
        ich stehe seit jeher auf distanz zur gesellschaft, aber eben nicht unbedingt auf distanz zu den menschen… scheiße finde ich, dass die menschen in der menge/gruppe zu willfährigen arschlöchern bzw. zu zombies werden. offenbar haben zu wenige genug arsch in der hose, sich gegen vorgespiegelte mehrheitsmeinungen zu stellen. oder sie haben zu wenig hirn und lassen sich viel zu leicht von den podiums-affen bequatschen.
        sie geifern leichtfertig irgendwelchen selbsternannten leitfiguren hinterher. okay, viele meiner mitmenschen sind diesbezüglich absolute trottel – aber ich mag sie trotzdem.

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  2. Richtig, es gibt eine Menge Menschen in Berlin, die sehr tolerant und frei sind. Für mich der wahre Geist von Berlin, jeder hier ist frei und kann machen, was er/sie will, solange damit niemand anderen geschadet wird.

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      • Es ist einfach ein großes, chaotisches Treiben, das kann auch stressen, aber es ist auch Freiheit. Berlin ist bunt und du entscheidest welche Farbe du bist.

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      • genau. auch toleranz hat seinen preis. aber es lohnt sich. ich fand die vielfalt gestern klasse. alles menschen und typen aus der mitte der gesellschaft, die den spagat zwischen spießigkeit und kultureller vielfalt wagen.

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      • Für mich ist das kein Spagat, sondern der normale tägliche Wahnsinn in Berlin. Ich finde solche Veranstaltungen stehen für mich auch gegen zu schnelle Vorurteile, warum sollte der spießige Beamte, nicht schwul und bunt sein, wenn er privat ist?

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      • ich finde es ungut, wenn man seine lebensart privat halten muss, weil einem sonst nachteile im beruf oder anfeindungen drohen. ich meinte den spagat zwischen vesteckt/privat gelebtem anderssein und dem leben in vorgegebenen spießigen strukturen.
        durch deine lebensgeschichte erscheint dir das alles wahrscheinlich als ganz normaler wahnsinn…
        normal wäre für mich, wenn man seine haltungen wirklich in allen lebensbereichen frei äußern dürfte, ohne repressionen zu befürchten.

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      • Auch wieder wahr, es ist halt ein Kompromiss, sich im Beruf anzupassen und nur im Privaten frei zu sein. Fakt ist aber, dass auch bei einer 40 Stunden Woche viel Zeit übrig bleibt in der machen und sein kann was auch immer einen gefällt. Es gibt halt wenige Arbeitsplätze die auf Paradiesvögel passen. Aber stimmt es ist ein Versteckspiel, solange die Freiheit aber überwiegt, kann ich damit leben.

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      • Berlin ist das Paradies, wenn es einem gerade gut geht – wenn man aber in Berlin lebt während es einem eh schon schlecht geht, ist es die Hölle. Ich bin dort in Berlin sehr ambitioniert gestartet – dann kam der größte Ärger meines Lebens im Privaten hinzu – schon war es in Berlin schwieriger für mich, als an einem ruhigeren Ort – der eine Art seelisches Abklingbecken gewesen wäre… Man sollte nach Berlin gehen, wenn man jung und dynamisch ist und noch an das Gute glaubt – alte, träge und vom Leben gefrustete Leute geraten dort schnell unter die Räder. Die Stadt frisst dich dann auf und spuckt Dich danach durchgekaut wieder aus…

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      • sehe ich nicht so, hypermental. die angst hatte ich aber auch, weil die trennung vor einem jahr mich seelisch ganz schön strapazierte. gut, dass ich als rückhalt noch meinen job hatte – und dadurch auch zumindest 8 stunden am tag soziale kontakte. die bürohühner sind zwar nur bedingt mein fall, – trotzdem oft aufmunternd und lustig.
        ich kam ja aus der kleinbürgerlichen provinz, und sicher wäre es mir da weder besser noch schlechter ergangen. eher schlechter, weil ich nichts mehr hasse, als diese verkackte dörfliche spießigkeit, die dort viel mehr zugriff aufs persönliche leben hat.

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      • Dorfspießigkeit und zu starke gegenseitige soziale Kontrolle hasse ich auch wie die Pest. Ich bin in einer 200.000-EW-Stadt aufgewachsen und habe dabach insgesamt 17 Jahre in einer Stadt mit 320.000 EW gelebt. Jetzt wohne ich hier zum Glück nicht im Dorfkern, sondern in einer winzigen Streusiedlung außerhalb des eigentlichen Dorfes. Da ist man schon wieder anonymer – zumal hier fast nur Städter wohnen, die aufs Land gezogen sind…
        In Berlin hatte ich 2008 eine psychisch kranke Stalkerin (ich hatte mit ihr eine sehr kurze Sex-Affäre, bis ich sah, wie sie drauf ist), die mich beruflich zerstören wollte. Sie hatte bei YouTube Videos, in denen ich als Kinderschänder dargestellt wurde und danach wurden mein Briefkastennamensschild, der Hauseingang mit Hausnummer, das Straßenschild und mein Autokennzeichen abgefilmt und eingeblendet: „Ihr wisst, was zu tun ist!“ (damals konnte man das nicht einfach melden und sofort löschen lassen – YouTube löschte damals nur auf richterliche Anordnung Videos)
        Auf dem Dorf wäre danach wahrscheinlich keiner extra vorbeigekommen – aber in Berlin waren draußen öfters Randalierer und Leute, die „Kinderficker – komm raus!“ grölten. Danach war es mit den Nachbarn schwierig. Erst recht, nachdem sie ein Nachbarauto angezündet hatten, das sie für meines hielten. Ich hielt ein Jahr lang stand. Parkte woanders, änderte mein Aussehen, beantragte einen kleinen Waffenschein, führte einen Gerichtsprozess, der mich 8000 Euro an Anwaltskosten kostete und hatte einen Verdienstausfall in Höhe von deutlich über 40.000 Euro durch Rufschädigung bei meinen Kunden als Selbständiger. Danach verließ ich Berlin.
        Ich habe Berlin geliebt, als es mir dort noch gut ging und fast schon gehasst, als ich es nach 16 Monaten wieder verließ.

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      • klar, das ist dein persönliches scheiß erlebnis in berlin. ähnliche erlebnisse kannst du aber auch in anderen städten haben. die einwohnerzahlen spielen dabei meines erachtens keine rolle. gerade in einer kleinstadt kannst du dich weniger verstecken… vor stalkern ist man nirgends sicher.
        aber gut, du lebst jetzt an einem ort, wo du dich sicherer fühlst. nach dem mist, den du durchmachen musstest, kann ich deine abwehr gegen berlin verstehen.
        wer weiß, was ich noch für erfahrungen in dieser großstadt machen werde… hoffentlich keine sex-affäre mit einer irren.

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      • Meide Frauen, deren Vornamen mit N. beginnt und die in in Hellersdorf wohnen… 😉
        Inzwischen finde ich Berlin wieder super – aber nur auf Zeit als Besucher in Kreuzberg bei meinem Kumpel Rudi.

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      • Möglich. Viele glotzen halt auch, weil wirklich eine Menge Paradiesvögel zusammenkommen. Das ist für so manchen immer noch ungewöhnlich/exotisch.

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      • ja. exotisch allemal. und auch etwas überzogen. aber wenn es den menschen spaß macht, sich derart zur schau zu stellen… und die anderen haben spaß am voyeurismus. auch ich wollte ein paar gute schnappschüsse machen.

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      • nö, hielt sich stark in grenzen. ich kam gar nicht nah genug ran – bin kein mensch, der sich durch die menge wühlt. außerdem drückte die blase.
        damals in mannheim vor einigen jahren gelangen mir bessere fotos. da war ich aber auch in begleitung und es waren nicht solche menschenmassen wie hier in berlin. und ich war jünger. was weiß ich.

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  3. Hallo Bo.,
    ich hatte mich mal belesen, warum es den CSD überhaupt gab und immer noch gibt. In Wikipedia, klar. Die Amis haben den Stein des Anstoßes gebracht. Damals lehnte man sich gegen die Polizeiwillkür gegen Homosexuelle auf.

    Gut, das man dies heute noch immer noch fortsetzt und weiter fortgesetzt, weil es weiter fortgesetzt werden muss. Das „rechte Gesocks“ sucht sich ja bevorzugt Ziele ihrer Attacken aus, die mit ihrer beengten Vorstellung von der Welt nicht übereinstimmen , aus um sie drangsalieren zu können. In den meisten Rechten steckt ja ein „Feigling“.

    Schön, dass du dich von dem Geist des CSD hast anstecken lassen 🙂 und dies gepaart mit dem Stolz über deine Stadt. Ich würde sagen: „Ziel erreicht. Botschaft angekommen“ 😀
    LG nach Berlin

    La We

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    • du weißt, dass ich auch ohne „csd“ für eine weltoffene und tolerante gesellschaft plädiere. ja, das erlebnis gestern tat gut – gab mir hoffnung. so leicht werden es die rechten nicht haben, die gesellschaft zu unterwandern, obwohl sie zur zeit fleißig dabei sind.
      ein feigling bin ich auch oft… feigheit will ich nicht nur den rechten zuschreiben.
      speziell für das vorurteilsfreie ausleben der sexualität und liebesbeziehungen, die nicht dem mainstream entsprechen, bleiben solche veranstaltungen auch in zukunft wichtig. und sowieso gehts dabei stellvertretend um eine auflehnung gegen reaktionäre kräfte, die noch an der macht sind. auch in deutschland.

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      • Hallo Bo.,
        ich bin auch kein Held und mutig bin ich nur, wenn es nicht anders geht. Ich meine eine andere Art Feigheit, die, die du vielleicht vor Augen hattest. Das sind diese Menschen, die sich bewusst schwache Menschen aussuchen und über sie ihre Stärke zu präsentieren. Manche bilden diese Strategie schon im Kindesalter aus. Ein Beispiel, dass ich noch gut in Erinnerung habe, ist ein Junge, der sich als Laufpartner bevorzugt einen Behinderten aussuchte und dem dann nach dem Zieleinlauf den dicken Daumen zeigte. Diese Art Feigling meine ich. Sie können sich gleichstarken Menschen nicht stellen und wollen aber dennoch die Größten sein.

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      • diese menschen gibt es freilich… und nicht zu knapp. vielleicht fehlt es denen an selbstwertgefühl, so dass sie nach unten treten müssen – und nach oben buckeln.
        vielen menschen fehlt es auch an selbstkritik. sie schieben lieber alles auf die anderen oder ein suggeriertes feindbild.

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