Von Apollo 11 bis heute

Vor fünfzig Jahren landeten die Amis auf dem Mond. Ich erinnere mich dunkel, dass die Eltern uns Jungs aus den Betten holten. Als Knirps von sechs Jahren war ich enttäuscht, dass es in Wirklichkeit nicht so aussah, wie ich es mir mit meiner kindlichen Fantasie vorgestellt hatte. Das Prozedere sowie die begleitende Berichterstattung langweilten mich – aber ich begriff schon, dass die Mondmission für Hinz und Kunz eine aufregende Sache darstellte… Endlich betrat Neil Armstrong gegen 4 Uhr morgens MEZ den Erdtrabanten. Darauf hatten alle gewartet. Geschichte wurde geschrieben. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“*, sagte Neil Armstrong nach seinem Ausstieg – wie aus dem Drehbuch. Die Amis hatten es also geschafft, spazierten auf dem Mond herum und platzierten die amerikanische Flagge, während ich bereits wieder in meinem Bettchen schlummerte. Es war Montag, und wir hatten Schule. Ich erinnere mich nicht wirklich, aber ich recherchierte es im Internet. 1969 begannen in Baden-Württemberg die Sommerferien erst kurz darauf. Ich hatte mein erstes Grundschuljahr gemeistert. Ich verstand noch nicht viel von der Welt der Erwachsenen und hatte keine Ahnung, wohin mich die Reise des Lebens führen würde. Bei Kummer träumte ich mich zusammen mit meinem Teddy in eine eigene Raumkapsel unter der Bettdecke, welche mir Schutz bot und mich weg von der bösen Welt brachte. Auf der Rangliste meiner Traumberufe stand Astronaut aber nicht an erster Stelle. Damals wollte ich Cowboy werden wie Little Joe aus der Serie Bonanza.
Nun, ich wurde weder Cowboy noch Astronaut… auch nicht Meeresforscher. Alle Träume der Kindheit und Jugend wetzten sich ab und wichen neuen… Als junger Mann träumte ich davon, ein Dichter und Künstler zu werden. Ich verlor mich in Liebesträumen, die zum Trauma wurden. Ich versank in den Albträumen alkoholischer Exzesse… Es folgten Studienabbrüche, jahrzehntelanges Ausharren in der Altenpflege, dann der Tod meiner Eltern, Umzug nach Berlin, Neuanfang…
Am Schreibtisch meiner kleinen Berliner Wohnung sitzend erschauere ich im Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Geschichte mit Mondlandung, der 68er-Bewegung, dem Kalten Krieg der Supermächte, dem überraschenden Fall der Deutschen Mauer, dem Zerfall der Sowjetunion, hinüber in ein neues Jahrtausend mit Internet und Smartphone, dem erschreckenden 11. September 2001, der Angst vor islamistischem Terror, der von den USA initiierten Kriegswelle im Mittleren und Nahen Osten, dem Wiedererstarken rechtsextremer Kräfte und Parteien in Europa…

Inzwischen sind alle meine Träume am Arsch. Was soll noch kommen? Die Landung des Menschen auf dem Mars? Interessiert mich das?

 

*Von wegen großer Sprung für die Menschheit: wurde der Mensch durch die neue Perspektive auf den Planeten Erde etwa klüger? Geht er seitdem sorgfältiger mit dem begrenzten Lebensraum, der Natur und seinen Mitgeschöpfen um? Was brachte uns also dieser „große Sprung“ hinauf zum Mond? – doch nur die Bestätigung, wie großartig und von uns selbst eingenommen wir sind.

4 Gedanken zu “Von Apollo 11 bis heute

  1. Irgendwann hört man auf mit dem Träumen – vielleicht wenn die Waagschale mit den „Lebenserfahrungen“ (weitestgehend ein Synonym für „Enttäuschungen“ auf ihrem Weg nach unten die aufsteigende Waagschale mit den Plänen/Visionen/Ideen überholt hat.
    Oder wenn man die völlige Sinnlosigkeit allen Tuns erkannt hat. In einem Universum mit einigen hundert Trilliarden Planeten ist selbst die Zerstörung der Menschheit und des Planeten Erde vollkommen bedeutungslos.

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    • das träumen geht unter im wissen um die blödheit und sinnlosigkeit des menschlichen affentanzes auf der erde. dazu gehört auch die eigene existenz. oberflächlich kann ich begrenzt noch spaß wie jeder andere haben… z.b., wenn ich verliebt bin. oder mein bier trinke. oder mit dem fahrrad durch die landschaft gurke.
      ansonsten blicke ich ziemlich desillusioniert und schwermütig auf die welt und mein leben.
      schon in meiner kindheit und jugend gehörte ich zu den stilleren und tiefgründiger denkenden zeitgenossen. aber damals hatte ich halt zeitweise etwas mehr hoffnung und damit verbunden mehr träume. das konto der zukunft schien noch endlos voll zu sein.
      tja. was bleibt zu sagen? prost!

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