Karl-Heinz

Endlich fertig ausgepackt. Die Waschmaschine läuft mit der Schmutzwäsche…
Der Ritt durch Pommern war eine echte Ochsentour. Schön, dass ich noch ein paar Tage zum Relaxen habe, bevor ich zur geliebten Büroarbeit zurückkehren muss. Die geschundenen Glieder schmerzen. Sonnenverbrannt glotze ich in den Tag. In Berlin ist die Luft zum Schneiden. Ich schwitze vom Nichtstun.
Meine Ankunft im Pub begossen. Dabei an der Bar so viel gequatscht wie selten. Kaum über meine Reise, sondern über Liebe, Sex, Musik, Kultur… das Leben überhaupt. Ich lernte Karl-Heinz kennen, einen Rentner, der, wie er sagte, alles hinter sich ließ und sich im Norden Schwedens niederließ. Nun war er mal wieder zu Besuch. Er reist viel herum. Wie kamen wir überhaupt ins Gespräch? Ach ja, er stand plötzlich an der Bar neben mir und meinte zum Wirt, dass die Nutten in Berlin keinen Stil mehr hätten. Alles nur noch Ramsch. Die besten Zeiten Berlins müssen die Zwanziger gewesen sein. Ich stimmte ihm zu. In meinem Bücherregal stehen einige Romane, deren Protagonisten im Berlin dieser Jahre liebten, feierten und litten. Viele meiner Lieblingsdichter und Maler lebten damals – was für ein prickelndes Milieu an kreativen Freigeistern und lasziver Halbwelt!
Wir quatschten munter drauflos. Nach einer Reise des Schweigens hatte ich offenbar Redebedarf. Mir gefiel Karl-Heinz` Offenheit. Er war auf kauzige Art lustig. Vom Thema Sex kamen wir zur Liebe und wieder zurück zum Sex. Er erzählte mir von seiner Neigung zu SM und seinen Erfahrungen. Mit jedem Bier gab er mehr intime Details preis. Bei dem Thema kann ich nicht mitreden, also versuchte ich das Gespräch immer wieder zurück auf Liebe und Beziehungen zu lenken. So ging das hin und her. Er meinte, Frauen würden anders lieben als Männer, mehr in Hinsicht auf ihre Eigeninteressen, möglicherweise sei das in ihre Natur eingewebt/eingewoben*. Obwohl es z.B. zwischen den Ost- und Südeuropäerinnen schon Unterschiede gäbe. Z.B. wären Spanierinnen in Sachen Liebe treuer und duldsamer. In Hinblick auf meine Ex konnte ich Karl-Heinz darin nicht ganz widersprechen. Ansonsten bin ich gegen solche Pauschalisierungen. „Ich bin einfach zu gutmütig“, wiederholte er mehrmals und schilderte einige Fälle, wo er von Frauen reingelegt wurde. Ich merkte, dass diese Sachen ziemlich an ihm nagten. Also bohrte ich nicht weiter nach und ließ ihn wieder von seinem Lieblingsthema SM quatschen…
Später gesellte sich noch ein waschechtes Berliner Mädel zu uns, auch schon in den Jahren, eine der Stammkundinnen. Genau nach Karl-Heinz` Geschmack. Er versuchte sie anzumachen, aber sie war zu abgebrüht. Wir redeten und redeten und redeten… nun mehr über Musik – Musik von früher im Vergleich zu jetzt. Wir wetteiferten mit Interpreten, die uns gerade in den Sinn kamen, bis wir fast alle nennenswerten aus den Sechzigern und Siebzigern zusammenhatten…
Karl-Heinz verabschiedete sich zuerst. Seine Visitenkarte steckt an meiner Pin-Wand. „Vielleicht besuchst du mich mal in Schweden“, sagte er.

 

*sucht`s Euch aus

7 Gedanken zu “Karl-Heinz

    • eigentlich zieht`s mich nicht so sehr nach schweden. die stechmücken sind da eine echte plage, wie karl-heinz sagte. aber wer weiß… außerdem weiß ich nicht, ob ich mich nüchtern mit seinen sm-geschichten volllabern lassen will.
      lieber würde ich die loire entlang an die atlantikküste radeln.

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