Kopfsache

Schwer zu beschreiben solche Momente: es ist ein kurzes Innehalten… Ich habe das oft, wenn ich morgens vor die Tür gehe, mich auf den Weg zur Arbeit mache… schließlich dort angekommen im Hof mein Fahrrad abschließe… alles wie fremdgesteuert. Was mache ich hier? Ist das nicht total irre? Nicht nur, dass sich mir der Sinn nicht erschließt, – die ganze Welt, die Umtriebe der Menschen, der Blaue Planet, der um die Sonne eiert, die Schwärze und Kälte des Universums, mein eigenes Leben, mein Funktionieren in einem wahnsinnigen, unerklärlichen Getriebe Tag für Tag… Unmöglich, denke ich, und es schaudert mich. Der Mensch schwafelt viel von Bewusstsein, aber wenn er sich selbst und der Welt tatsächlich bewusst wäre, würde er den Verstand verlieren. Wir fantasieren uns etwas zusammen, und kein Schwein weiß wirklich, was da vor sich geht. Wenn ich mir die Menschen um mich herum anschaue, sind die meisten voll beschäftigt mit Familie, Arbeit, Freizeitgestaltung, Hobby… soziale Kontakte pflegen, ein bisschen rumficken und Blabla. Niemand stellt das Leben, in das er hineingeboren wurde, ernsthaft in Frage. Wozu auch? Man kriegt nur Kopfschmerzen.

Fünf lange Bürotage wartete ich auf das Wochenende. Ein schöner Samstagvormittag. Endlich mal ausgeschlafen. Ich sitze am Laptop und schreibe blödes Zeug – Hirnfickerei. Plötzlich klingelt es. Sicher der Paketbote – ich bestellte zwei 5 Kg Hanteln, um mit ihnen immer mal zwischendurch zu trainieren, z.B. wenn ich im Bett oder auf der Couch liege. Durch das tägliche Büro-Sitzen schlaffe ich zusehends ab. Erwartungsfroh hechte ich also zur Tür. Endlich mal ein Paket, dass ich an der Haustür entgegennehmen kann und nicht in einer Postfiliale abholen muss. Doch anstatt des Paketboten erblicke ich eine junge Familie, total rausgeputzt, als wäre Sonntag. Ich dagegen stehe in Unterhosen und T-Shirt in der Wohnungstür. „Bonanzamargot?“ fragt der Mann. „Kein Interesse!“ ich lasse ihn nicht weiterkommen. Schnell schließe ich die Tür wieder und kehre zurück an meinen Schreibtischplatz. Schon vorhin fielen mir ein paar herausgeputzte Familien auf, die auf der Straßenseite gegenüber vorbeispazierten. Sicher Zeugen Jehovas. Auch ihre Kinder hatten sie im Schlepptau… Es tut mir leid, dass die bei diesen Aktionen dabei sein müssen.
Wie muss man drauf sein, um hier als Bilderbuchfamilie von Haustür zu Haustür zu gehen und den Leuten was von Gott zu erzählen?

Zurück zu meiner Hirnfickerei: Nach Gott sieht diese Welt nicht aus. Wahrscheinlich mein Fehler, dass ich mir einen guten Gott vorstellen würde, glaubte ich an einen. Kann ja nicht sein, dass ein guter Gott nur denen wohlgesonnen ist, die an ihn glauben. Wie auch immer. Ich ficke mich lieber selbst ins Hirn, als mich von seltsamen Glaubensgemeinschaften ficken zu lassen. Fühle mich auch sonst nicht gerade frei. Was für ein Scheißspiel wird hier gespielt? Mein Geist hadert. Ich fasse einfach nicht Fuß auf dieser Welt. Ist vielleicht besser zu gehen.

Die Waitingsystem-App auf meinem Smartphone zeigt an, dass ich als einer der nächsten dran bin. Ich soll mich schon mal auf den Weg machen… zum Friseur.

 

 

6 Gedanken zu “Kopfsache

  1. Wenn ich zur Haustür raus gehe, bin ich meistens anderweitig verwundert. Ich frage mich meistens, ob ich überhaupt angezogen bin und alles an habe, weil das so vollautomatisch passiert, dass ich es nicht mitbekommen habe. Zum Glück bin ich meistens angezogen. Nur einmal, vor 19 Jahren oder so, bin ich ausversehen ohne BH ausm Haus. Seitdem nicht mehr.

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    • solcherlei momente habe ich nicht nur, wenn ich das haus verlasse, um den frauen ohne BH zu begegnen. nein, die habe ich auch hier alleine in meiner wohnung. richtig deutlich/real werden diese (morbiden) gedanken aber, wenn wieder die sogenannte pflicht ruft. ich werde daran erinnnert, dass ich nur ein sklave/zombie bin, dessen weg vorgeschrieben ist. würde ich diesen weg verlassen, stiege ich gesellschaftlich schnell ab. man würde mich dafür ächten, dass ich ein außenseiter bin…, dass ich anders ticke als viele meiner mitmenchen…, dass ich nicht nachvollziehen kann, was sie umtreibt… was soll ich also machen? mitspielen? aber das mache ich ja – nur bin ich dabei unglücklich.
      vielleicht sollte ich mal die unterhosen weglassen…

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  2. „Wenn ich mir die Menschen um mich herum anschaue, sind die meisten voll beschäftigt mit Familie, Arbeit, Freizeitgestaltung, Hobby… soziale Kontakte pflegen, ein bisschen rumficken und Blabla.“
    So sieht es aus – alles Ablenkung im Grunde genommen, um dem Tod nicht ins Auge sehen zu müssen. Oder aus Angst, einen Hauch der Wahrheit zu erkennen – der eigenen Bedeutungs- und Sinnlosigkeit auf einem bedeutungslosen Planeten in einem sinnlosen Universum… 😉
    Ich bin diesbezüglich fast vollkommen raus aus allem – keine Familie, nicht mehr als 10 bis 20 Stunden Arbeit pro Woche (wenn ich wirklich alles Arbeitsähnliche mitzähle), keine größeren aushäusigen Freizeitaktivitäten mehr, kaum praktische Hobbies (vom Garten abgesehen), soziale Restkontakte an einer Hand abzählbar und oftmals hunderte Kilometer entfernt lebend, seit einem halben Jahrzehnt kein Geficke und außerhalb von WordPress auch kein Blabla… 😁 Ich lebe fast nur noch im Geist (Lesen, Wissenserwerb, Selbststudium und Philosophieren) und im Garten. Denken und ins Grüne sehen – dazu eine gute Zigarre. Das Gewimmel der Anderen, das verstehe ich schon lange nicht mehr. Oft sagen mir die Dinge, Technik-Gadgets, etc. auch gar nichts mehr, mit denen sich andere Leute befassen. Ihre Getriebenheit, ihre ebenso egoistischen wie hilflosen Interaktionen und ihr Streben nach Ersatzbefriedigungen, Pseudo-Anerkennung und willkürlich definierter Bedeutsamkeit kommen mir wie eine einzige Perversion von „Leben“ vor. 🙂 Beste Grüße und schönes Wochenende!

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    • Schon wieder ein Kommentar von dir, der ohne mein Zutun als Spam markiert wurde…

      Ich stimme dir zu: Viele Menschen leben lieber nur auf der Oberfläche – zombiemäßig. Viele haben Angst vor den Abgründen der „Wahrheit“. Viele geben sich mit Lügengeschichten zufrieden – sie wollen einfach nur Sicherheit und Geborgenheit in einer Gemeinschaft*. Daraufhin werden wir erzogen: nur nicht zu viel eigene Gedanken machen. Viele Menschen sind aber einfach eingefleischte Materialisten** (wie z.B. meine Ex) und haben nur relativ wenig Interesse an philosophischen Diskursen.
      Schön, dass du einen Weg für dich raus aus diesem Scheißdreck gefunden hast. Dazu bin ich offenbar zu blöde. Ich scheitere immer wieder an den Bedingungen für ein Überleben im Kapitalismus. Geld kann ich leider nicht scheißen.

      *das sind dann jene, die z.b. zu den zeugen jehovas gehen
      **quasi als solche geboren

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  3. Ich finde überhaupt nicht, dass Menschen Außenseiter sind, wenn sie mehr an ihrem Inneren interessiert sind als am materiellen Außen. Der Trend geht doch sehr deutlich in diese Richtung. Ich arbeite in einem kl. Kasino, zum Teil habe ich Gäste, die 6,7 Stunden und mehr vor blinkenden, dudelnden Daddelkisten sitzen, um sich aus der Realität zu schießen, weil sie sich ihrer inneren Welt nicht zuwenden können oder wollen. Das ist traurig.

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    • Nach innen gerichtete sensible Menschen habens nicht gerade einfach auf dieser lauten und vollen Welt. Viele macht das früher oder später zu Außenseitern, jedenfalls aus meiner Erfahrung. Wer nicht mit dem Tempo mitkommt, bleibt auf der Strecke… Viele Menschen flüchten in Drogen oder auch in die Spielsucht. Ich kann diese Abschottung gut nachvollziehen. Natürlich ist das für die Betroffenen verheerend.

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