Alles nicht so einfach

Ich warte auf die Post, genaugenommen den DPD Paketlieferdienst. Ja, scheiße, ich hab`s gemacht. Ich gehöre zu den vielen Idioten, die sich ab und zu etwas bei dem Drecksverein Amazon bestellen.
In der Besenkammer stehen seit meinem Einzug gerahmte Aquarelle und Zeichnungen, altes Zeug. Die Bilder will ich aufheben und die vergammelten Rahmen entsorgen. Zur Aufbewahrung der alten Bilder benötige ich eine großformatige Kunstmappe, also schaute ich bei Amazon danach, weil`s so schön bequem ist und es da fast alles gibt. Ich bestellte mir gleich zwei (610 x 810). Heute Vormittag machte ich mich an die Arbeit, die Bilder aus den Rahmen zu nehmen. Das alte Gelump steht nun zum Wegschmeißen im Flur. Fehlen nur noch die Kunstmappen… Laut Sendungsverfolgung sollten sie bereits gestern Abend kommen.
Wieder etwas Ballast weniger, was auch gut für den nächsten Umzug ist. Ich mache mir Sorgen, dass die sowieso schon hohe Miete, die ich hier löhne, bald aufgestockt wird. Scheiß Gentrifizierung! Wenn man in Sachen Mieten die Nachrichten verfolgt, kann einem wirklich angst und bange werden. Besser nicht drüber nachdenken. Schon gar nicht über meine Zukunft mit einer Rente kaum höher als die Grundsicherung. Aber ob ich überhaupt noch zehn Jahre überstehe… Ich fühle mich manchmal unendlich müde. Gestern z.B. quälte ich mich zum Feierabend hin. Alles fiel mir unsäglich schwer. Ich wollte nur noch raus. Die Büro-Maloche macht mich total mürbe…

Der Wirt vom Pub war besser drauf als letzten Freitag. Die freitägliche Säuferliga lag in den letzten Zügen. Ich blätterte an der Bar in einer Illustrierten von der BVG mit dem sagenhaften Titel „Berlin lieben“. Offenbar wollen die Berliner Verkehrsbetriebe ihr Image aufpolieren. Ich guckte mir also die Bilder an – zum Lesen war ich zu faul. Auch interessierte mich das wenigste. Aus Mangel an anderer Stammkundschaft stellte sich der Wirt zu mir und laberte wie üblich über seine alltäglichen Befindlichkeiten. Er nuschelte. Ich verstand nicht alles. Ich nickte einfach und sonderte ein paar Bemerkungen ab, die zu allem passten wie „Alles nicht so einfach…“ oder „Da kann man nichts machen“. Er stellte Überlegungen an, wie er in zwei Jahren seinen Sechzigsten feiern sollte. Schon bei seinem Fünfzigsten waren über zweihundert Gäste gekommen. Es soll auf einem geeigneten Gelände im Freien stattfinden. „Und eine Band wird auch spielen?“ fragte ich. „Klar!“ meinte der Wirt. Ich nickte anerkennend und schaute ihn mir an, wie er hinter der Theke stand, einem Käppi auf dem wuscheligen Kopf, dem knittrigen T-Shirt mit irgendeinem lustigen Aufdruck, das über seinem Bauch spannte; wie er mit seinen großen glasigen Augen hin zur Potsdamer Straße und dem vorüberlaufenden Gewürm blickte. Sicher stellte er sich seinen großartigen sechzigsten Geburtstag vor…
In drei Jahren bin ich auch Sechzig – unglaublich! Was wird dann sein? Werde ich immer noch Tumorfälle dokumentieren, oder werde ich bis dahin selbst an Krebs erkrankt -, vielleicht krepiert sein? Werde ich noch hier wohnen? Und wie sieht`s mit den Frauen aus? Kommt da noch was?
Der Wirt spendierte mir einen Feierabend-Korn. Den konnte ich nicht ausschlagen. Er hoffte, dass Ramona diesmal etwas pünktlicher zur Ablösung da sein würde. Ich war zu müde, um bis zu ihrem Erscheinen zwischen 17 und 18 Uhr auszuharren. Dabei hätte ich ihr gern mal wieder in den Ausschnitt geguckt.

12 Gedanken zu “Alles nicht so einfach

  1. Mit diesen Paketdiensten ist’s die Hölle – als ich in Berlin lebte, kam etliches nicht an und verschwand unterwegs einfach… Hier auf dem Land ist das besser – aber manchmal muss man sich durch die halbe Nachbarschaft klingeln, oder sein Zeug etliche Tage später an 10 km weit entfernten Orten abholen, bevor man es bekommt… Aber ich habe auch Verständnis für und Mitleid mit den armen Schweinen, die die Auslieferjobs machen: Unterbezahlt und überarbeitet, die sind oft etliche Stunden pro Tag zusätzlich unterwegs, um die Vorgaben zu schaffen und treffen dann auf unfreundliche Leute, die sie angiften. Hinterher dann ein Hohn von Lohn… Arme Schweine sind’s.

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    • klar habe ich auch mitleid mit den armen schweinen, die den scheiß ausfahren müssen, den wir ärsche bestellen.
      mit der dpd machte ich noch nie gute erfahrungen. dagegen ist dhl spitze, obwohl sich die auch ab und zu hämmer leisten. als ich las, dass diesmal die dpd liefert, dachte ich mir schon „o gott!“.
      es wird einem einfach zu leicht gemacht, solche internet-bestellungen zu tätigen. die wahren verbrecher hocken bei amazon & co.
      fuck!

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  2. Der Chef und Gründer Drecksverrein Amazon Jeff Bezos gehört nicht umsonst zu den reichsten Menschen der Welt. Ich bestelle dort auch nur, wenn es nicht anders geht. Schlussendlich bestellt man seine Ware bei einen ganz normalen kleinen Onlinehändler, der sich der Plattform Amazon unterstellt ha und in einem Knebelvetrag hängt. Amazon ist funktioniert ähnlich wie Subway als Frainchis…. Kohle her, oder du stirbst 😉 und wer auf Recht klagt, der beißt sich erst die Zähne aus und das Geld geht aus.. Erst stecken sie sich die Großen die Taschen voll und nach ihnen die Sinnflut. Sie drehen sich dabei nicht mal um.

    Die kleinen Zusteller tun wir auch leid und auch hier stecken die Großverdiener dahinter. Das ganz System hat nichts mit leben und leben lassen zu tun.
    Ich finde z.B auch, dass die Onlinehändler sich ebenso wie die Händler vor Ort sich an die gesetzlichen Schließzeiten halten müssten. Das würde den Markt neu regeln und den Großen nicht die Milliarden auf Kosten der Kleinen auf ihr Konto spülen.
    Ich wünsche dir noch ein schönes Wochenende
    LG La We

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    • wünschen bzw. vorstellen kann man sich viel, lawe. aber der kapitalismus siegte. (die rattenfänger siegten schon immer und überall, egal ob im sozialismus, im kapitalismus oder in der religion.) die mehrheit der menschen will es offenbar so. oder es ist ihnen wurscht, solange sie noch ihren goßbild-tv im wohnzimmer hängen haben. keine ahnung. ich mache ja auch in diesem „scheiße für wenig geld karussell“ mit. nehmen wir nur mal die pauschalreisen. oder die viel zu billigen lebensmittel… die moralische verantwortung schiebt der eine auf den anderen. alle stecken wir fest in einem sumpf von ignoranz, verlogenheit, arschkriecherei, korruption, gebeugtem recht und gier.
      dir auch ein schönes wochenende!

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      • die meisten Menschen wollen nur „grasen“ und überlassen denen das Feld, sie sich zu höherem berufen fühlen. Das ist ja nicht schlechtes. Wer keine Führungsqualität hat, sollte besser auf der Wiese bleiben. Doch die meisten Menschen in den oberen Etagen haben keine Sozialkompetenz mehr, denken nur an Profit und nehmen dabei sogar einen Finanzchrash in Kauf. Kurzfristig hohe Gewinne abzuschöpfen, dass ist ihr erklärtes Ziel.

        Dumm nur, dass die wenigsten grasenden Menschen ihre Köpfe heben und schon gar nicht auf die Barrikaden gehen wollen. Ich erinnere mich an das „Schweigen der Lämmer“

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      • warum brauchen selbstbewusste menschen führungspersonen?
        leider leben wir nach wie vor in einer hierarchisch strukturierten klassengesellchaft, in welcher jeder nur nach dem grundgesetz gleich ist, jedoch nicht in der realität. ich hatte noch nie vertrauen in die oberen klassen und sogenannten eliten. immerhin überwand deutschland die nazidiktatur und gehört heute zu den fortschrittlichsten demokratien der welt.
        ich bin realist: ohne führung werden wir nicht leben können. aber warum wählen die „grasenden lämmer“ zu oft die größten arschlöcher? wie können sie derart blind sein? oder: warum singt der vogel noch im rachen von der katz? (frei nach schwoißfuaß). gibt es eine schwarm-doofheit? eigentlich spricht man doch von der schwarmintelligenz. schon komisch.

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  3. P.S.: Ich kaufe oft bei Amazon. Mir ist das alles vollkommen wurst. Der Service ist 1A und die Preise sind auch gut. Ich bin da völlig schmerzfrei. Die Arbeitsbedingungen etc. das ist mir alles total egal. Wahrscheinlich bin ich ein gedankenloses Arschloch

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    • mich wurmen solche monopolisten mit ausbeuterischen methoden. ebenso wie mich die massentierhaltung und noch vieles andere in unserer gesellschaft ankotzt. aber ich bin inkonsequent. ich bin eine bequeme sau und außerdem ein gewohnheitstier (was u.a. ernährung) betrifft. es ist wie beim saufen – ich kann`s nicht lassen, obwohl ich mir damit ein grab schaufele. ich hätte lieber deine „völlig schmerzfreie“ enstellung zu diesen dingen. weiß nicht, ob das gedankenlosigkeit ist. wahrscheinlich stehst du einfach drüber.

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