Dienstreise

Die Dienstreise führte mich in die Gneisenaustraße. Als betrieblicher Ersthelfer benötigte ich einen Erste Hilfe Grundlehrgang, 9-stündig. Ich wählte eine Ausbildungsstätte des Arbeitersamariterbundes in Kreuzberg. Mit dem Fahrrad ein Katzensprung. Vorbildlich war ich wie verlangt bereits eine Viertelstunde vor Beginn vor Ort. Der Kursraum lag im Erdgeschoss direkt an der Straße. Peu à peu trudelten die anderen ein, 13 an der Zahl, wenn ich mich nicht verzählte. Ich hätte noch genug Zeit für einen Drink gehabt, ärgerte ich mich. Die Tische waren in U-Form angeordnet. In der Mitte sollten die praktischen Übungen stattfinden. Zwei junge Rettungssanitäter, geschätzt Mitte Zwanzig, wechselten sich im Vortrag ab. Sie machten ihre Sache gar nicht schlecht, auch wenn ich mir eine erfahrenere Kursleitung gewünscht hätte. Nun gut, ich betrachtete den Lehrgang wie wohl die meisten als notwendige Pflichtübung. Natürlich ist`s auch nicht schlecht, wenn das ein oder andere wiederaufgefrischt wird. Gefühlt befand ich mich bereits im Urlaubsmodus. Am meisten nervten mich die praktischen Übungen – da musste man sich dann auch noch nahekommen. Mein Sitznachbar war ein bärtiger Türke, Mitte Vierzig – schwer zu schätzen. Er war mir angenehm in seiner ruhigen Art. Jedenfalls besser als der fette Typ im Jogginganzug, der auch zur Auswahl stand.
Was man nicht alles macht, dachte ich, als ich mich auf die silbern glänzende Rettungsdecke niederließ… Ob das alles noch so klappt, wenn man dann wirklich an einem Unfallort auf einen Bewusstlosen oder Verletzten trifft? Seeehr fraaaglich… Wie war das verflixt nochmal in dem Kurs vor zehn Jahren? Nein, halt! falls ich in der Pflicht des betrieblichen Ersthelfers bleibe, muss ich den Kurs alle zwei Jahre wiederholen. Das Zertifikat ist zeitlich begrenzt, was freilich Sinn macht. So weit im Voraus denke ich aber nicht. Was weiß ich, was in zwei Jahren ist? 2021 liegt unfassbar weit vor mir. Bis dahin muss ich erstmal überleben…
Okay, solche Lehrgänge zeigen einem nur, wie es am besten ablaufen sollte in einer Notfallsituation. Ich finde, man könnte das Ganze mehr aufs Wesentliche komprimieren. In neun Stunden wird niemand zum Rettungssanitäter. Man merkte, wie die zwei Jungs in ihrem Fach leben, und darauf können sie auch wirklich stolz sein. Als ich in ihrem Alter war, hing ich den ganzen Tag in meiner Stammkneipe ab, spielte Billard, zockte an der Theke und soff mich ins Delirium. Die Jungs waren fit, und sie hatten Eier in der Hose. Wer schon mal vor einer Gruppe wildfremder Menschen stehen und zu einem Thema referieren musste, weiß, was ich meine. Absolut nicht mein Ding. Angeblich kann man das üben. Aber warum soll ich was üben, wogegen sich alles in mir sträubt?
Gegen 16 Uhr hatten wir`s hinter uns, eine Stunde früher als veranschlagt. Schön, das habe ich dann auch abgehakt. Ich schwang mich aufs Fahrrad und fuhr über den Bergmannkiez zurück. Die Luft roch gut. Endlich! Der lange herbeigesehnte Urlaub war Gegenwart!

4 Gedanken zu “Dienstreise

  1. Bergmannkiez, Gneisenaustraße. Ich beneide dich. Ich gehe hier vor die Hunde in der Provinz. Die stabile Seitenlage würde ich noch hinkriegen und Herzmassage.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.