Jeden Tag eine gute Tat

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Ich wusste es schon immer: Faulenzen ist meine Lieblingsbeschäftigung. Gemach, gemach. Nur keine Hektik. In einer Großstadt wie Berlin der Hektik zu entgehen, ist freilich unmöglich. Aber es gibt ein paar wenige Oasen wie z.B. die Arkaden am Potsdamer Platz. Ohne Probleme fand ich an der Bar im Obergeschoss einen Platz. Kein Menschengewusel und kein Lärm um mich. Auf ein paar TV-Bildschirmen lief Ski-Springen. Ich war zuvor im Reisebüro, um ein paar Sachen wegen meiner Gran Canaria-Reise abzuklären. Die Kinokarte für „Vice – Der zweite Mann“ hatte ich auch schon in der Tasche. War gratis. Eine ältere Dame, die hinter mir in der Reihe stand, hatte auf ihrem Abonnement noch einen Kinobesuch übrig. So richtig kapierte ich`s nicht – ich bedankte mich jedenfalls artig; und die Frau an der Kasse drückte ein Auge zu, weil man diese Karte eigentlich nicht auf jemand anders übertragen konnte. „Jeden Tag eine gute Tat“, meinte sie lächelnd. Langsam wurde mir das ganze peinlich – als ob ich eine gute Tat nötig hätte! Wirke ich inzwischen derart mitleiderregend? Vom Fleisch falle ich jedenfalls nicht. Wahrscheinlich aber hielt mich die ältere Dame einfach für einen netten Herrn, dem sie gern ihr noch offenes Kinoticket vermachte, bevor es verfiel. Dass ich auf meine Mitmenschen einen netten Eindruck mache (vor allem auf die Alten), erlebe ich immer wieder. Was soll ich sagen – gute Erziehung oder so.
Nach zwei Berliner Pils erhob ich mich von meinem Platz an der Bar und schlappte gemütlich Richtung Kino. Ist nicht weit. Ich konnte in aller Ruhe ein paar Getränke einkaufen und endlich das Antibiotikum, das mir der Arzt wegen des grippalen Infekts verschrieben hatte. Offenbar wollte er auf Nummer sicher gehen.
„Vice – Der zweite Mann“ war streckenweise eine hervorragende Satire auf den Scheißhaufen der US-amerikanischen Politikerklasse. Trotzdem blieb bei mir nicht viel hängen von dem Film. Neben mir saßen Popcorn fressende Aliens. Ich kam mir deplatziert vor. Am Ende hatte ich Kopfweh.

14 Gedanken zu “Jeden Tag eine gute Tat

  1. Liegt sicherlich nicht am Bedürftigeirken, sondern an Deiner gutmütigen Ausstrahlung… 🙂
    Ich werde trotz meines inneren Zynismus auch meistens von unbedarften Alltagsbegegnungen als freundliche Person wahrgenommen. Wenn irgendwer nach dem Weg fragen muss, werde ich angesprochen und nicht die zig anderen Passanten. Vielleicht liegt das dann aber auch doch nicht an meiner freundlichen Ausstrahlung, sondern an einer Art „Aura der Orientierungskompetenz“? 😁

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      • Tja, falls das mal der Fall sein sollte… Bin allerdings eher so der Typ, der niemals Hilfe annimmt und sein Zeug komplett alleine mit sich ausmacht. Aber danke für diese Option. Vermutlich wird es reichen, wenn Du mir als Leser weiterhin das Gefühl gibst, dass nicht alle anderen Leute dort draußen Arschlöcher sind. Du bist eindeutig jemand von den „Okayen“… 😉 Prost.

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    • drum war ich auch so lange im altenheim gut aufgehoben. die alten freuten sich auf mich: ich kam kompetent, seriös und freundlich rüber. bereits in jungen jahren. die alten damen verliebten sich regelmäßig in mich. bei den jungen hatte ich weniger glück. freilich, gemessen an manchen meiner kumpels immer noch viel.
      „gutmütige ausstrahlung“ trifft es gut. meine bürokollegin bei der tumordokumentation meinte auch schon, ich würde zu sehr das positive in den menschen sehen. seltsam, so empfinde ich es gar nicht.
      sind wir nicht alle mehr oder weniger arschlöcher? vielleicht liegt`s daran, dass ich die menschen nicht einfach in gut und böse trenne…

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      • „Schwarm aller Schwiegermütter“… 😄 Bei den jungen Damen war ich eher der Trost-Kumpel, der sein Ohr lieh. Kenne ich.
        Ansonsten schaut heute keiner zweimal hin bei seinem Gegenüber. Maximale Oberflächlichkeit. 90% denken stur schwarz-weiß, oder in ihrer jeweiligen dogmatischen Gefärbtheit. Man wendet sich vermutlich an uns, weil wir zugewandt wirken.

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      • ja, damals redete ich mit den jungen damen ganze nächte durch, ohne dass was passierte…
        ich war sehr schüchtern. bin ich immer noch.
        man sah mir den alkoholischen lebenswandel nicht direkt an. oft dachte ich: wenn die wüssten…

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    • apropos „orientierungskompetenz“ – du meinst, du bist sowas wie ein leuchtturm?
      mein bestreben war immer, nicht besonders aufzufallen. ich stehe nicht gern im vordergrund. drum bin ich mit jobs auf der unteren ebene ganz zufrieden gewesen. aber natürlich bin auch ich geltungsbedürftig. nur nicht gern auf die schrille und großmäulige art. und auch nicht als ehrgeiziger leistungsträger oder mittels ellenbogen.
      schön fände ich es, wenn meine kreativen ansätze etwas mehr aufmerksamkeit zeitigen würden. aber wenn nicht, auch egal.

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      • Nee, nicht auf die schrille Art, eher „Orientierungskompetenz“ nach dem Motto „der schaut so aus, als ob er sich hier auskennt“. Ich wirke eher wie so ein alter Geografielehrer, als wie ein Paradiesvogel. Als ich vor inzwischen auch schon fast 20 Jahren tatsächlich von etlichen Paradiesvögeln umgeben war, war ich unter ihnen sicherlich der am bodenständig-seriösesten wirkende…

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      • Ekelhaft. Gibt da schon Säue und Sadisten unter den Leerkörpern… 🤨
        Unser Erdkundelehrer war ein schwerer Säufer, der heimlich ein halbes Dutzend 0,7-Liter-Jägermeister-Flaschen in einem Feuerlöschschlauchaufbewahrungswandkasten im Kartensammlungszimmer gebunkert hatte, aber auch ein ziemlich okayer Typ… 🙂

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