Und dabei hat der Sonntag erst angefangen

„Na, wie sieht`s aus?“ fragte ich die Ameise in meinem Tagtraum.
„Meinst du mich?“ Die Ameise krabbelte über meinen schwarzen Schreibtisch. Ich bemerkte sie fast nicht.
„Klar, oder siehst du hier noch jemanden?“
„Wenn du wüsstest, wen oder was ich hier alles sehe…“
Ich bohrte in der Nase und schnippte einen Popel in Richtung Ameise.
„Hey, lass das gefälligst!“
„Schon gut. Lust auf eine Unterhaltung? – oder bist du gerade im Stress?“
Die Ameise drehte sich zu mir um und wirkte gar nicht mehr so klein. Sie schien einem Trickfilm zu entstammen.
„Sonntags habe ich nie Stress“, antwortete die Ameise und zwinkerte mir zu. Dann stellte sie sich aufrecht hin und zeigte mir ihre kleinen Titten.
„Wahnsinn!“
„Für 20 Euro blase ich dir einen, dass dir Hören und Sehen vergeht. Interesse?“
„N-nein…“, stotterte ich verblüfft, „d-das ist ein Missverständnis.“
„Ach so, du gehörst zu den Perversen, die nur quatschen wollen. Das wird dann aber teurer.“ Die Ameisen-Lady machte es sich bequem und lehnte ihren Kopf an das USB-Kabel. „Hast du was zum Durchziehen da, Dicker?“
„Ich bin Nichtraucher. Ich wollte mit Ihnen nur reden – aus einer Sonntagslaune heraus – von Mensch zu Ameise.“
„Warum plötzlich so förmlich? Gerade noch hast du mich mit einem Popel aus deiner Nase beworfen und mich angemacht.“
„Entschuldigung! Ich wusste nicht… mir war einfach langweilig, und ich dachte…“
„Oje, die Langweiler sind am anstrengendsten. Und dann noch Nichtraucher. Aber mir gefällt`s in deiner Bude. Hast schöne Bilder an den Wänden und einen ausgezeichneten Literaturgeschmack, wenn ich das aus Ameisensicht mal sagen darf.“
„Danke. Ich find`s auch gemütlich bei mir.“
„Dicker, nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wo klemmt`s?“
„Moment, ich habe Maccheroni auf dem Herd. Nicht dass die überkochen…“
FUCK! dachte ich bei mir, wie werde ich diese aufdringliche Ameise wieder los? Die Maccheroni waren natürlich Fake. Ich riss das Küchenfenster auf und atmete tief durch. Es handelte sich lediglich um einen Tagtraum. Die Ameise existierte nur in meinem Kopf. Wenn ich zu meinem Schreibtischplatz zurückkehrte, würde sie fort sein.
„Und alles klar mit den Maccheroni?“
„Alles klar. Aber ich habe meinen Drink vergessen.“
„Besonders gastfreundlich bist du nicht gerade.“
„Wieso? Ach so! Darf ich der Lady vielleicht einen Blattlaus-Cocktail anbieten?“
„Die ironische Tour jetzt. Ein Blattlaus-Cocktail wäre nicht schlecht, aber es tut auch ein Bier.“
In mir wuchs der Groll. Ja, ich wollte etwas Unterhaltung, aber nicht mit einer frechen Ameisen-Nutte. Die Sache lief aus dem Ruder. Sie sollte sich besser vom Acker bzw. vom Schreibtisch machen, bevor ich andere Seiten aufzog. Hoffentlich war ihr das klar. Dumm schien sie nicht zu sein.
Ich mixte mir in der Küche meinen üblichen Sonntagmorgendrink: 60% trockener Weißwein + 40% Cola Zero + 1 Schuss Wodka. Das würde helfen. Zumindest mir. Bevor ich zurückkehrte nahm ich einen großen Schluck.
„Hey Dicker, und wo ist mein Bier?!“
„Okay Baby, es tut mir leid, dass ich dich belästigte. War ein dummer Einfall. Wie war das? Du bläst mir einen für 20 Euro? Vielleicht ist mir diese Version doch lieber.“
„Ich wusste es. Du wolltest von Anfang an, dass ich es dir besorge. Gib es zu. Aber den Sonntagspreis kriegst du jetzt nicht mehr. 40 Euro – und du hast dafür ein unvergessliches Erlebnis.“
„Das glaube ich sofort.“
Sollte ich mich auf dieses verrückte Experiment einlassen, mir von einer Ameise einen blasen zu lassen? Und dazu noch für diesen horrenden Preis? Wie waren überhaupt derzeit die Preise für solcherlei Dienstleistungen?
Die Ameisen-Lady hatte sich inzwischen von ihrem Platz am USB-Kabel erhoben und krabbelte zielbewusst auf mich zu. „Bleibe einfach so sitzen. Ich finde ihn schon. Und dabei schön locker bleiben, Dicker.“
Das waren ihre letzten Worte.

Ich schwöre, ich wollte es nicht.

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