Höhe der Zeit

Gepriesen sei das Internet! Ich ließ mir meine Lebenszeit ausrechnen (mir war mal wieder so öde) – also nicht nur mein Alter in Jahren, das habe ich noch gerade so im Kopf, sondern etwas genauer. Hier das Ergebnis:
Ich lebe seit 1.764.720.000 Sekunden, oder 29.412.000 Minuten, oder 490.200 Stunden, oder 20.425 Tagen, oder 2.917 Wochen, oder 671 Monaten… Das sind noch ganz überschaubare Werte, finde ich. Heutzutage sind wir umgeben von Großen Zahlen. Es wird geklotzt, nicht gekleckert. Wir sind umgeben von Milliardären und finden das ganz normal. Die Weltbevölkerung wächst und wächst – bei wie viel Milliarden sind wir inzwischen? Wie viele Sterne hat die Milchstraße? – wie viele Galaxien das Universum? Größenwahn ist en vogue. Spätestens seit der Digitalisierung findet eine atemberaubende Inflation der Großen Zahlen statt. Ich erinnere mich an Zeiten zurück, da war für mich Tausend eine unvorstellbare Größe. Tausend Mark waren ein Vermögen! Wer kennt nicht den Spruch: Wenn das Wörtchen „Wenn“ nicht wär, wär mein Vater Millionär! * Heute zählen sich die Millionäre zur Mittelschicht. Friedrich Merz jedenfalls, der neue alte politische Emporkömmling, zwischenzeitlich Millionär, zählt sich zur oberen Mittelschicht. Offenbar ein sehr volksnaher Mann, dem man nur eine politische Karriere wünschen kann. Hat er sich doch verdient, oder?
Wir schmeißen mit Zahlen und Begriffen um uns, die wir gar nicht mehr erfassen können. Kein Schwein weiß, um was es geht. Man babbelt einfach nur noch nach, – und umso mehr man semantisch auf der Höhe der Zeit ist, desto mehr wird einem zugenickt. Ich lausche dann und wann gern Gesprächen meiner Mitmenschen, z.B. beim Fahren mit der Bahn, in der Kneipe/im Café oder auch am Arbeitsplatz, – also immer dann, wenn ich gerade nichts Besseres zu tun habe. Unglaublich, was ich da schon alles gehört habe. Über was reden die da? Kommen die von einem anderen Stern? Oder bin ich einfach zu blöd, sie zu verstehen? Nein, neben mir sitzen keine chinesisch sprechenden Chinesen (auch keine Spanier). Syntaktisch befinden sie sich weitgehendst in derselben Sprache, die ich auch spreche, aber… Ich muss so ein Gespräch mal aufnehmen, damit ich direkt am Beispiel erklären kann, was ich meine. Möglich ist schließlich auch, dass ich Autist bin, ohne es zu wissen. Da lebe ich seit 20.425 Tagen und kriege nun raus, dass alles so ist, weil ich ein verfluchter Autist bin… Kann das sein?
Oder hinke ich der Zeit hinterher? Die Zeit ist aber auch verflucht schnell unterwegs, finde ich. Das merke ich vor allem an den Wochenenden. Kaum habe ich mir überlegt, was ich am Wochenende machen will, ist es auch schon rum… und meine 2.918ste Woche in diesem Trauerspiel beginnt usw. usf.
Aber im Ernst jetzt: Die Zeit rast! Ich erinnere mich noch gut (als wäre es gestern gewesen), dass die Lehrerin vorne an der Tafel was erklärte, und ich absolut nichts davon mitbekam, obwohl ich hinhörte. Ehrlich, ich hörte zu! Ein Wunder, dass ich es bis zum Abi schaffte. Ein Mysterium. Alles ging so schnell. Bevor ich zu Ende überlegt hatte, was die Lehrerin meinte, musste ich bereits Bewerbungen schreiben. Ist erst ein paarhundert Monate her. Kann gar nicht fassen, dass mein Leben nun schon dreiviertelst vorbei sein soll **. Was habe ich eigentlich die ganze Zeit gemacht?

 

* auch bekannt als „hätte, hätte, Fahrradkette“

** wobei man die letzten zwei bis drei Achtel des letzten Viertels getrost streichen kann, weil man diese Zeit (wahrscheinlich) kaum noch Leben nennen kann

6 Gedanken zu “Höhe der Zeit

  1. Wunderbar be-/ge-schriebener Beitrag! 👍 …geht mir übrigens haargenau so.
    Als ich neulich in Kreuzberg war irritierte mich der Business-Bullshit-Babble ringsum auch erheblich. Ist das noch Berlin-Kreuzberg, oder schon der Finanzdistrikt von London? Alle unter 40 sind offensichtlich verstrahlte Aliens. 🤔

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  2. …vieles kapiere ich trotz größter cerebraler aktivität nicht. ich versuche dann den anderen weg zu gehen, indem ich mich in meine mitmenschen einfühle, aber das… das ist dann erst der richtige horror. lieber glotze ich in den nachthimmel, verstehe zwar auch nicht, was ich da sehe, aber es ängstigt mich komischerweise nicht so.
    okay, ich passe mich freilich an, nicke dann auch und frage nicht weiter. seit der schulzeit änderte sich nichts. ich bleibe auf meinen fragen sitzen, und die jahre vergehen. evolutionär sehe ich mich auf einer astgabel mit einem bier (statt einer banane) sitzen und auf die verrückte affenhorde hinunterblicken… montags steige ich dann vom baum runter und reihe mich ein. na ja. so in etwa, wenn du weißt, was ich meine.

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  3. ich ziehe keine altersgruppe vor. wenn neben mir zufällig teenager sitzen, höre ich auch denen zu. meist finde ich es lustig, was die labern… so wunderbar unverbraucht – eben wie bei kindern, aber schon in dem bemühen, sich sprachlich aus dem fenster zu lehnen. sehr inspirativ unter umständen. kleine hosenscheißer, die zu großen hosenscheißern werden… ungeheuer spannend. ich stelle mir dann vor, wo der furzende, pizza-fressende teenager mit den kessen sprüchen in der zukunft mal sitzen wird… in der politik? im aufsichtsrat von vw? könnte ja sein, dass er richtig karriere macht. die klappe dazu hat er.

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  4. Ach was für ein herrlicher Artikel. Wie schön Du mit dem Thema „Zeit“ gespielt hast. Wunderbar. Einfach ein zeitloses Thema. Was mich noch interessieren würde: Wie viel Zeit hast Du für diesen schönen Artikel gebraucht? Und wo lässt sich erfahren, wie viel Zeit eigentlich noch bleibt? Liebe Grüße

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  5. du meinst, wie viel lebenszeit einem noch bleibt? nun, das kann man überschlagen je nach dem alter, in dem man sich befindet, der durchschnittlichen lebenserwartung und gewissen risikofaktoren. wenn man über die mitte raus ist, geht es immer schneller – weil bergab… die schwerkraft des todes… der geschützdonner und die einschläge kommen näher…

    für gewöhnlich gucke ich während des schreibens nicht auf die uhr. für einen beitrag dieser größe brauche ich schätzungsweise eine stunde inklusive korrekturen und aufs blog stellen.

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