Der Satansbraten

„Lebenslänglich!“ Die Stimme des Richters klang wie von ganz weit her – eingewoben in die Welt, der rote Faden, das Hintergrundrauschen des Alls. Sie spielte sich nur in meinem Kopf ab, obwohl ich damals im eigentlichen Sinne noch gar keinen hatte. Nun war also ich an der Reihe. Ich stand ganz vorne in der endlosen Schlange der wartenden Seelen und wurde abgeurteilt. Eine Farce. Nur wenige wurden aussortiert und mussten sich wieder ganz hintenanstellen. Warum, entzieht sich meiner Kenntnis. Einige der Wartenden murmelten: „Lieber Lebenslänglich, als wieder hinten anstellen“ oder „Parias“.
„Wessen sind wir eigentlich angeklagt?“ fragte ich verhalten, und mein Hintermann raunte: „Das ist eine unerlaubte Frage. Sei besser still, wenn du nicht wieder hinten landen willst.“ Mir kam diese ganze Prozedur reichlich spanisch vor. Wieso wussten einige unter uns mehr als ich darüber? Kurz überlegte ich mir, einfach aus der Reihe zu springen. Was sollte schon geschehen? Eine Seele kann man nicht töten. Aber ich schaffte es nicht. Das Ganze glich einem Albtraum – ich musste mich mit den anderen unaufhörlich vorwärts bewegen. Wie lange schon?
„Lebenslänglich!“ tönte die Stimme aus der Ferne. Sodann wurde ich zu zwei Seelen geführt, die mich in Empfang nahmen. Ich wusste damals nicht, dass es meine Eltern waren. Sie hatten die Aufgabe, das Urteil zu vollstrecken. Der Rest ist Geschichte. Hier sitze ich, ein waschechter Satansbraten, und schmore in der Hölle – dieser Ort, den die meisten vermeintlich Leben nennen. Wie dem auch sei. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Urteil anzunehmen. Hätte ich den Mund aufgemacht, würde ich wahrscheinlich immer noch in der Reihe stehen – wie bestellt und nicht abgeholt. Und auch wenn ich von Zeit zu Zeit mit dem Urteil und den ganzen Umständen hadere, so arrangierte ich mich doch mit den Jahren damit. Wenn ich ehrlich bin, habe ich sogar Angst vor dem Ende meiner Strafe. Komme ich dann zurück in diese endlose Schlange wartender Seelen? Und alles beginnt von vorne? Eine Menge meiner Mitmenschen scheinen darüber mehr zu wissen als ich. Sie leben voller Demut und betrachten die Strafe als Geschenk. Wie meine Eltern führen sie eine oder mehrere wartende Seelen ihrer Strafe zu. Oft sehr liebevoll. Und danken wir es ihnen?
Nein, ich leide nicht unter dem Stockholm-Syndrom. Selbst wenn es gesellschaftlicher Usus ist. Ich bleibe ein hadernder Geist. Niemand kann mir Schwarz für Weiß verkaufen. Wenn ich`s damals auch nicht schaffte, aus der Reihe zu tanzen, will ich wenigstens hier ein paar verbale Schüsse gegen den Muff und den Kleingeist abfeuern. Und wenn mich darum ein weltliches Gericht verurteilte, würde ich lachend ausrufen: „Ich habe schon lebenslänglich!“

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