Blind

Würden alle Menschen in Burkas rumrennen, wären wir bei den allermeisten ziemlich verblüfft, wenn sie ihr Gesicht enthüllten. Vorausgesetzt freilich, wir hätten vorher eine gewisse Zeit lang Gespräche geführt oder in irgendeiner Sache miteinander zu tun gehabt.
Erkenntnis: Nicht jeder harte Typ sieht wie Clint Eastwood aus, und umgekehrt ist nicht jeder mit harten/markanten Gesichtszügen ein harter Typ. Ebenso verhält es sich bei Frauen: hinter einer erotischen Stimme muss sich keine Madonna oder Marylin Monroe verbergen, wie man umgekehrt geschockt sein kann, wenn eine schöne/sexy Frau den Mund aufmacht.
Ich weiß, das ist keine neue Erkenntnis. Trotzdem sind wir jedes Mal überrascht, wenn es uns passiert. Zu leicht lässt sich unser Hirn in die Irre führen. Viele kennen diesen Effekt vielleicht aus ihren Erfahrungen mit Blind Dates. Ich auch. Trotzdem bereue ich keines. Ich halte nichts davon, sich vorher Bilder zu schicken. Erstmal sollte ein intensiver geistiger Austausch stattfinden. Wenn sich dabei eine Vertrautheit entwickelt, bleibt zwar die Gespanntheit darauf, wie der andere wohl aussieht, aber meistens kann man dann die Abweichungen von der eigenen Vorstellung relativ gut wegstecken. Mit etwas Glück gewöhnt man sich sogar an den „neuen“ Anblick und findet intensiver zueinander. Ja-haha. Kann passieren. Ich mag diesen Weg des Kennenlernens, weil er zuerst weniger äußerliche, sondern innerliche Prädikate in den Vordergrund stellt. Klar, nicht alles, was sich innerlich einig ist, kann sich auch äußerlich… verbinden. (Härtefälle kommen leider vor.)
Oder der umgekehrte Fall: Da ist man sich möglicherweise zuerst durch die Erscheinung* sympathisch und passt sein Inneres daraufhin an. In der Zeit der Verliebtheit geht einem diese „Anpassung“ auch leicht von der Hand. Als intelligenter Mensch wischt man die geistigen Diskrepanzen lässig als irrelevant vom Tisch. Das kann lange gut gehen. Solange es mit dem Sex klappt, solange man viel miteinander unternimmt, solange man gemeinsame Wünsche und Ziele hat… Sowieso entwickelte sich längst eine intime Vertrautheit im Alltag. Man kann doch mit niemandem in allen Themen einer Meinung sein. Unterschiede wirken anregend. Auch hat man schon so viel miteinander erlebt…

Was ich eigentlich sagen will: Mir sind die echten Masken lieber als die vorgespiegelten. Lieber vordererst bewusst blind als das unwillkürliche Hineinschlittern in eine Blindheit. Okay. Ich weiß. Wie immer kann auch alles ganz anders laufen…

 

* hinzu kommt der Effekt des situativen Kennenlernens

2 Gedanken zu “Blind

  1. Hallo Bo.,
    ich denke, das der eigene Kopf sich unbewusst ein Bild von der Person schafft, die einem ins „Auge“ fällt oder die einem über einen unsichtbaren Draht berührt hat.

    Der Kopf macht, ob man es will oder nicht, sich ein Bild von der Person, der man begegnet. Dabei ist es egal, ob man anfangs nur die Stimme ober ob man „nur“ die geistigen Ergüsse der anderen Person erst kennen gelernt hat und ob man der Person persönlich begegnet ist.

    Wenn es etwas gibt, dass einen berührt hat und man darauf reagiert, beginnt der Kopf sofort sein eigenes Bild von der Person zu schaffen. Die Arbeit besteht im Kennenlernen einerseits darin, sich von den eigenen Bild zu lösen und dies mit der Realität anzupassen. und einer eventuellen Anpassung der eigenen Person, denn der gegenüber hat sich ja auch ein Bild gemacht, falls man den Rest seiner Lebens zusammen verbringen möchte.

    Ein einfaches Beispiel, was ich im Zusammenhang mit deiner Person bemerkte. Wir trafen uns ja schon 2 mal persönlich. Jedes mal musste ich die Person, die sich auf Grund deiner Texte, die ich las, die ja auch sehr viel über dich aussagen, das innere Bild, dass ich von dir hatte, korrigieren. In meiner Vorstellung ist Bo. ein eher untersetzter, eher väterlicher aber dunkelhaariger Mann, dessen Stimme bassig klingt. Kaum warst du aus meinem Blickfeld verschwunden, erschaffte mein Inneres wieder das Bild des dunkelhaarigen Mannes von dir. Warum das so ist. das weiß ich nicht.

    Damit will ich sagen, dass viele Probleme in Beziehungen mit dem zu tun haben, welches Bild von Äußeren und Inneren wir uns von der anderen Person in eigenen Kopf geschaffen haben und daraus können Diskrepanzen entstehen.

    Ich hoffe, du bist auf dem besten Weg, wieder gesund zu werden
    LG La We

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  2. überrascht ist man fast immer beim blind date. das hat auch einen gewissen reiz. wie ich es schrieb, lief im vorfeld eine ausgiebige kontaktaufnahme. dadurch kann es schon mal nicht ganz und gar ein griff ins klo werden. selbst bei menschen, die z.b. ein photo auf der website von sich haben oder es sich nicht verkneifen konnten, eines zu schicken, kann man ordentlich überrascht werden. bilder bringen eine persönlichkeit doch sehr eindimensional rüber und sind meist geschönt bzw. zeigen die beste seite.
    ja, eine diskrepanz zwischen dem bild, welches die geschriebenen worte eines menschen suggerieren und der echten erscheinung besteht in den allermeisten fällen. das erlebt man auch bei schriftstellern, die man sich beim lesen ihrer romane meist anders vorstell, als sie in wirklichkeit aussehen. karl may hätte ich mir z.b. nie als karl may vorgestellt, eher wie lex barker. aber egal, wie ein schriftsteller aussah, letztlich war ich in seine inhalte „verliebt“.

    bei beziehungen wird`s haarig, wenn man vom „innen“ der person seines herzens eine sehr abweichende vorstellung hatte, diese diskrepanz einem aber erst nach geraumer zeit bei einem konflikt oder in einer krise richtig deutlich wird. vorher hatte man sich diese unterschiede klein geredet. das glück ist wie eine dampfwalze im leben…
    es kann sogar sein, dass man den menschen, über dessen wesen man sich täuschte, hernach auch äußerlich nicht mehr so attraktiv findet. die inneren werte eines menschen, wie wir sie wahrnehmen/empfinden, machten ihn unter umständen erst in unseren augen „schön“.

    lawe, vielen dank für deine gedanken zum thema.
    den virus (oder was auch immer es war) habe ich überstanden. morgen geht`s wieder ins büro.
    einen sonnigen sonntag habe ich noch.
    liebe grüße nach rostock!

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