Satt

Der Brückentag im Büro kommt fast gemütlich daher. Die Chefin krank und nur etwa die Hälfte der Kollegen/Kolleginnen anwesend. Fahles Licht in den Räumen – mehr gibt der Tag nicht her. Es fängt zu schiffen an, als ich 13 Uhr in die Mittagspause radele. Schnell haben sich große Pfützen auf den Gehsteigen und Straßen gebildet. Großstädte sind bei Regen besonders hässlich: der Verkehr erscheint noch lauter, der Dreck noch dreckiger, die nassen Hausfassaden hässlich wie die Nacht… Ich bin der einzige Gast in der Kiezkneipe, wechsele ein paar Worte mit der Kneipenmutter, die in ihrem früheren Leben Hebamme war. Danach noch einmal aufraffen, zurück in die Büroräume, ein paar Fälle dokumentieren, teils interessiert, teils uninteressiert am sozialen Miteinander, je nach Thema mit den Quasseltanten im zwielichtigen Flur stehen. Die Stimmung lockert auf vor Feierabend. Morgen Tag der Deutschen Einheit, ein freier Tag, der die Arbeitswoche verkürzt.
Die Menschen strömen in den Supermarkt, als wäre schon wieder Wochenende. Ich reihe mich ein. Ein paar Sachen fallen einem immer ein, die man noch einkaufen könnte.
Zuhause schalte ich die Glotze an und fläze mich auf die Couch, eine Pulle Bier vor mir und Lasagne aus der Mikrowelle. Ich zappe durch die Programme, bleibe ein paar Minuten bei „The Big Bang Theory“ hängen, zappe in der Werbepause auf den Nachrichtensender und erfahre von dem Drama, das sich in Las Vegas abspielte. Ein Mann hatte aus dem 32. Stockwerk eines Hotels heraus auf die arglosen Besucher eines Country-Festivals geschossen. Über fünfzig Menschen wurden getötet, hunderte verletzt. Schließlich richtete er sich selbst. Wahrscheinlich ein Psychopath – die Hintergründe unklar. Trump hält eine Rede zu den schrecklichen Ereignissen. Er macht das besser, als ich dachte. Ich verfolge die Nachrichten noch eine Weile, bis sich alles wiederholt…, bis ich satt bin.

2 Gedanken zu “Satt

  1. Ich habe den Text jetzt zum zweiten Mal gelesen, mit einem Tag Abstand dazwischen. Und noch immer widerstrebt es mir, auf „Gefällt mir“ zu klicken. Es wäre eine Lüge. Mir gefällt weder, dass Du Dich offensichtlich unwohl fühlst, noch dass Du über Trump und Las Vegas etwas schreibst, was viele andere auch schon gesagt oder geschrieben haben. Bin ich zu streng mit Dir? Ist nicht so gemeint, also nichts für ungut. Ich hab auch keinen richtigen Lauf im Moment. Ist vielleicht der Vollmond. Liebe Grüsse ausm Süden!

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  2. keine ursache. ich schreibe texte nicht, damit sie unbedingt gefallen.
    der vorliegende text gibt einen tagesablauf als aufzählung von stimmung und erlebtem wider. ich hielt ihn bewusst spröde und einsilbig – weil genauso verlaufen zur zeit meine alltage: relativ gefühlsarm – wie in einer blase, aus der heraus ich die welt betrachte. ich bin „satt“ von all dem kram… dem leben, wie es sich abspielt, den kleinen und großen katastrophen, dem ganzen gerede darum, dem wetter, der stadt… alles ist furchtbar banal und wiederholt sich ständig. der anschlag in las vegas ist zufällig da. neugierig gaffe ich auf die nachrichten, trinke bier und fresse lasagne – da schwingt freilich auch selbstkritik mit… meine stimmung dabei lethargisch bis weltverdrossen. ich bin selbst teil dieses unsäglichen karussells und kann mich nicht heraushalten.

    grüsse aus berlin!

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