Geben und Nehmen

Wer hasst nicht Situationen, in denen er sich ausgesprochen dumm und überfordert fühlt? Als Berufseinsteiger in die Tumordokumentation erlebe ich genau das (beinahe permanent). Ich kann nur schwer meine Konzentration hochhalten vor dem Computer im Praktikum, wo ich mühsam die Krankengeschichten nach den für die Dokumentation notwendigen Informationen durchforste. Nach drei Stunden brummt mir der Schädel. Die Praktikumsleiterin zeigt wenig Verständnis, als ich um einen freien Tag bitte. „Natürlich, Sie sind erwachsen“, sagt sie, „wir wollen natürlich, dass Sie möglichst bald für uns Aufgaben übernehmen…“ Ich blicke sie an und suche nach Worten. Überall dieselbe Tretmühle, denke ich und erkläre, dass ich in der Woche einfach einen Tag brauche, um von dem ganzen abzuschalten. Schule und Praktikum schlauchen mich mehr, als ich dachte. Natürlich ist die Thematik ungeheuer interessant aber auch sehr umfangreich und komplex. Ich komme mir vor wie ein Fahranfänger im Berliner Verkehrschaos – am liebsten würde ich das Auto abstellen und davonrennen.
„Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt die Praktikumsleiterin. Ich nicke und verlasse das Büro.

Als der Pathologe in die Biochemie und Molekularbiologie vordringt, verstehe ich nur Bahnhof. „Sie müssen sagen, wenn`s Ihnen zu viel wird“, meint er. Keiner von uns traut sich was zu sagen. Er wirkt wie in Trance, wenn er redet und verfällt automatisch in einen Hochschuldozenten-Vortrag. Wir sehen uns zig Bilder von mikroskopischem Tumorgewebe an, und er erklärt, woran man die entarteten Zellen erkennt. Ich kratze mich am Kopf und schaue ungläubig. Krampfhaft versuche ich ihm zu folgen, aber alles, was ich sehe, ist ein eingefärbter, abstrakter Mischmasch. Der Pathologe grinst, als hätte er Spaß an unseren dummen Gesichtern. Aber das ist wahrscheinlich Einbildung.

In der Pause gebe ich der Sekretärin den ablehnenden Bescheid von der Rentenversicherung zum Kopieren. Die Schulleiterin will ihre Beziehungen spielen lassen. Ich hege wenig Hoffnung diesbezüglich. Sieht so aus, als bliebe ich auf den Kosten sitzen.

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