Störenfried

Was weiß ich schon? Warum klebt alles so sehr am Wissen? Ich möchte mich einfach ausruhen und nichts wissen. Die Welt erscheint mir voller Prahlhanse. Alle plappern wild drauf los in der Fortbildung Leben. Automatisch rutscht man da rein.
So richtig habe ich nicht kapiert, worum es eigentlich dabei geht. Meist sitze ich nur mit gerunzelter Stirn da. „Was ist mit dem Existentialismus?“ werfe ich schüchtern ein. Ich weiß selbst nicht warum, denn vom Existentialismus habe ich keine Ahnung. Die Mitschüler strafen mich sofort mit bösen Blicken, und der Dozent sagt kurzangebunden: „Zu dem kommen wir noch.“
Ich schaue aus dem Fenster auf die Welt, wie sie sich ständig weiterdreht. Ich schaue auf meine Arme und Hände, wie sie vor mir liegen und mir gehorchen. Worum geht es hier? frage ich mich immer und immer wieder.
Ich bewundere manche meiner Mitschüler und -Schülerinnen, wie sie mit Eifer bei der Sache sind – eine Sache, die ich kaum im Ansatz kapiere. Immerhin halte ich durch und bin nicht mal der Schlechteste. Irgendwann kriegt man ja raus, was die hören wollen. (Und dabei immer nett lächeln.)
Warum lassen sie mich nicht einfach in Ruhe? Ich weiß, das können sie nicht. Ich sitze mit auf dem Karussell – und dafür muss ich zahlen. Ich hadere mit mir selbst: Vielleicht stimmt etwas nicht mit mir… Nein. Unmöglich. Ich will nicht zum Zombie werden, und doch gehöre ich de facto zu ihnen, wahrscheinlich kaum von den anderen Zombies zu unterscheiden. „Und das nennen Sie Futter?“ rufe ich plötzlich aus. Wieder dreht man sich nach mir um und starrt mich verständnislos an. Jemand kichert blöde. Der Dozent scharrt mit seinem Pferdefuß und ignoriert meinen Einwurf geflissentlich.
In der Pause folge ich meinen Mitschülern nach draußen. Die meisten rauchen. Ich will mich nicht ganz absondern, und so höre ich ihrem dummen Geplapper zu und heuchele Interesse.
„Was meintest du vorhin?“ fragt mich eine Mitschülerin.
„Ach, das war nichts, nur ein Ausspruch aus einem Columbo-Film.“
„Und was hat er zu bedeuten?“
„Weiß auch nicht mehr. Ist Teil eines Witzes, aber in meinem Kopf hat sich der Satz verselbstständigt.“
„Wolltest du dich wichtigmachen?“
„Quark, nur eine affektive Äußerung. Kam mir dummerweise über die Lippen.“
„Ach so.“
„Ja, tut mir leid, ich wollte den Unterricht nicht stören.“
Inzwischen befinde ich mich (schon) im letzten Drittel der Fortbildung Leben. Aus dem Abschluss wird immer noch ein Geheimnis gemacht. „Dran bleiben“ ist das Motto, das von der Schulleiterin ausgegeben wird. Sie ist mir gar nicht unsympathisch. Etwas hektisch. Sicher hat sie viel um die Ohren. Den Rest ziehe ich auch noch durch, mache ich mir selbst Mut. Habe ich überhaupt eine Alternative?

7 Gedanken zu “Störenfried

  1. Haste recht, Bonanzamargot, Fortbildung Leben läuft auf Hochtouren, und es bleibt einem nix andres übrig als mitzumachen. Viel Erfolg dabei und einen schönen Sonntag wünscht dir der Alte Rettich, der leider um die Uhrzeit arbeiten muss.

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  2. Bestimmt gehört das … … zum unausgesprochenen Programm der Fortbildung leben: den Leuten beizubringen, wann sie etwas Kluges sagen sollten und wann sie besser auf dem Mund hocken. So läuft das halt. Ich hatte damit auch immer meine liebe Mühe – weshalb ich oft stumm war, wenn ich etwas Kluges hätte sagen sollen. Aber man kann es lernen, unter den richtigen Umständen.

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