Begegnung der Dritten Art

Neulich begegnete ich dem Lieben Gott in einer Kreuzberger Bierbar. Er sah ganz schön runtergekommen aus. Als er mich sah, kam er rüber und schnorrte mich gleich an.
„Kannste mir `n Bier ausgeben?“
„Klar Alter, schon wegen der alten Zeiten!“ lachte ich.
„Danke, Gott vergelt`s.“
Ich starrte auf seinen langen Bart, der alles andere als gepflegt aussah. Gott hatte sich ziemlich gehen lassen, seit ich ihn das letzte Mal sah – aber älter war er nicht geworden. Wie auch.
„Ich bin dir doch nicht unangenehm“, fragte er, als würde er meine Gedanken lesen.
„Ach was!“ wehrte ich ab und prostete ihm verlegen zu.
„Du hast schon Recht, mit mir ging es abwärts – man kommt an seine Grenzen.“
„Na ja. Ich kann das verstehen, aber du…?“
„Quark, bloß, weil ich der Liebe Gott bin, denken die Leute, ich dürfe keine schlechte Phase haben, dabei haben sie keinen blassen Schimmer darüber, was man als Gott durchmacht!“ Er nahm sein Bier, trank es in einem Zuge leer und schaute bedauernd ins Glas.
„Noch eins?“
„Danke, ich stehe auf das Berliner Bier. Weiß der Teufel warum.“
„Jedenfalls besser als Warsteiner.“
„Tausendmal“, grinste der Liebe Gott, und wir stießen miteinander an. Die Bedienung in dem Laden war fix.
„Wir müssen nicht über die Arbeit reden, Alter.“
„Du weißt doch, ich habe nie Feierabend. Selbst jetzt arbeite ich.“
„Man sieht`s!“
Gott und ich kicherten, wir verstanden uns. Sozusagen intuitiv. Ein paar Fragen wollte ich aber noch loswerden. Schließlich treffe ich den Lieben Gott nicht täglich.
„Darf ich dich fragen, wieso…,“ ich zögerte, aber er wusste natürlich sofort, worauf ich hinauswollte.
„Mein Guter, ich will dich nicht demütigen, aber das kannst du nicht kapieren. Nur so viel: Rationalisierungsmaßnahmen machen auch vorm Himmel nicht halt. Früher hatte ich viel mehr Personal.“
„Aber du bist doch der Chef!“
„Klar“, Gott brach plötzlich in ein irres Gelächter aus. Die Bedienung und einige Kneipengäste guckten zu uns rüber.
„Ist ja gut, Alter“, versuchte ich ihn zu beruhigen, „krieg dich wieder ein…“
Gottes Lachen verwandelte sich nach und nach in ein Schluchzen.
„Entschuldige“, meinte er schließlich, „aber seitdem der Himmel an der Börse ist…“
Jetzt musste ich loslachen und stammelte: „Ist das dein Ernst? Echt wahr? Oje.“
….
„Hey Chef, alles in Ordnung?“ fragte die Bedienung.
„Absolut, es war nur…, mein Kumpel ist der Liebe Gott, und er sagte, dass…“
„Welcher Kumpel? Besser du zahlst jetzt.“
Ich schaute verwirrt um mich. Der Liebe Gott hatte sich vom Acker gemacht. Typisch!
Ich beglich die Rechnung und ging auch.

6 Gedanken zu “Begegnung der Dritten Art

  1. Ach, da ist nichts zu danken. Mittlerweile gibt es die Blogs, die ich mir noch ansehe, an einer Hand abzuzählen.
    Ein paar sind auf facebook gewandert, wo ich sie manchmal antreffe. Der Rest, der sich auf wordpress geflüchtet hat, entgeht mir. (Und das, obwohl ich selbst drei Profile auf wordpress habe oder hatte, die ich kaum mehr ansehe, geschweige denn befülle.)

    Liken

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