Das Phänomen

Wir machten es uns zur Gewohnheit, Sonntagvormittags zum Frühschoppen ins Yorckschlösschen zu gehen. Dazu spazieren wir quer durch den Park am Gleisdreieck, durchqueren die Gleiswildnis (ein mit Bäumen und Gestrüpp bewachsenes Terrain, in dem wahllos Schienen vor sich hin rosten – auf Warnschildern am Wegesrand steht zu lesen: „Vorsicht Gleiswildnis, Betreten verboten!“) und erreichen binnen einer guten Viertel Stunde das Jazz-Lokal in Kreuzberg.
Gestern gab ein Musiker Dean Martin Songs zum Besten. Drinnen kann man zum Musikgenuss brunchen. Wir ließen uns allerdings draußen nieder und tranken Kreuzberger Bier. Auffällig sind zur Zeit die vielen Linden, die in Blüte stehen. Die Sonne kam zwischenzeitlich raus und wir betrachteten die Fußgänger, die vorbei promenierten. Viele gingen stracks in ein nahes Café und verließen dieses kurze Zeit später mit dicken Kuchenpaketen. (Es muss dort besonderen Kuchen oder besondere Torten geben.) Dumpf tönte die Musik aus dem Innenraum zu uns hinaus. Nach O.s anstrengender Woche tat es gut, den Tag ganz relaxt anzugehen. (Wie schön wir es doch hier haben, sagen wir uns dann.)
Nach dem Frühschoppen schlendern wir weiter die Yorckstraße entlang zum Mehringdamm. Auf dem Weg liegt eine interessante Gaststätte. Sie heißt „Kreuzberger Himmel“ und ist kirchlich geprägt – aber geschmackvoll und in unaufdringlicher Weise. Es gibt dort Andechser Bier vom Fass, und man kann gut und deftig speisen. O. aß eine Kleinigkeit…
Weiter auf dem Weg zur U-Bahn Station Mehringdamm begegnen wir einem Phänomen. Zuerst passieren wir einen Currywurst Imbiss, wo immer viel Andrang ist, aber noch eine längere Menschenschlange steht nur wenige Meter weiter bei einer Kebab Bude an. Die Leute warten dort stundenlang, um einen Gemüsedöner zu erwerben, als gäbe es in Berlin sonst keine Döner – dabei wimmelt es geradezu von Kebab-Imbissen. O. und ich machen uns über die anstehenden Menschen lustig. „Vielleicht ist ein Suchtmittel drin.“ „Ja, das sind Döner-Junkies.“
Wir leben in einer verrückten Welt voller seltsamer, unerklärlicher Phänomene und Gegebenheiten. In Berlin sieht man eine Menge davon. Oft sind es einfach die Menschen, die durch ihr Aussehen oder ihr Verhalten rätselhaft, beinahe dubios erscheinen. Man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus.
Wenn wir in die Unterwelt der U-Bahn hinabsteigen, ist bereits Nachmittag. Wir überlegen uns ein Fahrziel, lassen uns treiben… Die Liebe ist auch so ein Phänomen.
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Currywurst contra Gemüsedöner

19 Gedanken zu “Das Phänomen

  1. Wenn ich diesen Text lese, überdenke ich meine Reiseplanung. Am 18. September 2016 spielt ein sehr guter amerikanischer Pianist das 2. Klavierkonzert von Beethoven. Das ist einer der seltenen Anlässe, dass ich einem Musiker nachreise. Quasi als Groupie. Doch ich habe von seinen Vorlesungen im Internet einiges erfahren und vielleicht auch gelernt.
    Wenn ich jetzt über Kreuzberg lese, überlege ich mir, ob ich nicht das Wochenende anhängen soll. Es werden wunderbare und teils wehmütige Erinnerungen wach. Wobei mein Einzugsgebiet eher die Oranienstraße war, in der ich eines Abends bis 4 Uhr früh von Lokal zu Lokal herumgezogen bin. Meine Bekannte wollte unbedingt nach Hause fahren und nicht gleich bei mir übernachten. Am nächsten Tag hat sie mir erzählt, dass sie in der S-Bahn die falsche Richtung erwischt hat und dann erst bei der Endstation gemerkt hat, dass es nicht Spandau war, wo sie hin musste.
    Am nächsten Tag sind wir dann wieder in Kreuzberg gesessen, in einem Lokal, wo der türkische Markt ist, und haben sehr gelacht.
    Leider habe ich die Verbindung zu ihr verloren, – ein Jammer.
    Aber danke für das Posting, es hat einiges wieder in der Erinnerung aufleben lassen.
    BTW, wart ihr schon im A-Train? Das ist mein absolutes Lieblings-Jazz-Lokal in Berlin. An bestimmten Tagen gibt es Jam-Sessions von Musikern, die noch nie zuvor mit einander gespielt haben.

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  2. september 2016? so weit planst du im voraus?

    berlin ist immer einen aufenthalt wert, finde ich – umso besser, wenn du dich schon etwas auskennst.

    den a-train kennen wir noch nicht. muss ich mal googeln, wo das genau liegt.
    nächstes wochenende ist z.b. in kreuzberg das bergmannstraßen-festival. da wird auf drei bühnen drei tage lang jazz dargeboten. wir freuen uns schon drauf.

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  3. Ja … in Berlin ist immer irgendwo etwas los. Ich bin kein Curry-Wurst-Fan. Bevorzuge da eher den Döner. Nebenbei bemerkt:-)

    Schöner Text, der mich Freude spüren lässt.

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  4. jaaa, freude ist fast immer dabei, wenn man entspannt unterwegs ist.
    ich stehe weder auf döner noch auf currywurst. am liebsten esse ich zuhause. ich mag die gesamte imbisskultur nicht besonders. hier in berlin ist viel zu viel davon.

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  5. es gibt hier in der tat mehr als reichlich von diesen „buden“, aber man kann sie ja meiden.

    meinen döner, wenn mir denn danach ist, esse ich auch lieber zuhause. hier an der ecke gibt es den besten der welt:-)

    schönen abend noch!

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  6. klar, ich meide sie auch. es fällt mir nur extrem auf, wie viel fastfood hier in berlin „gefressen“ wird.

    und mir fällt auf, dass der superlativ sehr verbreitet ist: „der beste“, „die älteste“ …

    dir auch einen schönen abend!

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  7. Genau so… … sah es aus, als ich letztens dort vorbei kam. Das war an dem Tag vor dem Spiel Dortmund : Wolfsburg, und ich dachte, der Andrang würde herrschen, weil die Dortmund-Fans schon mal das Terrain für das Public Viewing auf dem Tempelhofer Feld inspiziert hatten. Zu „Curry 36“ habe ich mal lieben Berlin-Besuch geschleppt, konnte der Wurst dort aber nichts abgewinnen, was man von einer halbwegs vernünftigen Currywurst nicht ohnehin erwartet. Das Geheimnis muss also in der Schlange stecken – eine Art Momafizierung von Currywurst und Döner. Vielleicht sollte man Neueinsteigern im Geschäft raten, für einige Zeit Schlagesteher zu engagieren, bis die Schlange sich von selbst bildet und der Laden läuft.

    Danke für den Tipp „Jazz-Brunch im Yorck-Schlösschen“. Das hört sich wirklich nett an.

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  8. Du sprichst vom legendären Curry 36 wo sich in der Nacht das Partyvolk immer auf eine nächtliche Currywurst trifft. Mustafas Gemüsekebap war mittlerweile schon öfter in der Presse, hat Preise gewonnen und steht mittlerweile in jedem Touristenführer, deswegen die lange Schlange, das meiste sind Touris, wäre die Schlange nicht solange würde ich mich auch anstellen, denn der Gemüsekebap ist wirklich gut.

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  9. Vermutlich ist der Gemüsedöner so besonders schmackhaft, dass sich so viele Leute dort treffen und sogar die Wartenschlange in Kauf nehmen. In Wien gibt dieses Phänomen bei einem berühmten Eisverkäufer. An manchen Tagen heißt das eine halbe Stunde anstellen, bis man zu einem Eis kommt. Aber es ist auch wirklich unvergleichbar.

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  10. ich las im internet einige kommentare zu diesem kebab-imbiss. da schrieben die leute, dass sie 2 stunden anstanden, aber es sich lohnte… tut mir leid, aber solch ein verhalten geht mir total ab. für keinen döner der welt oder sonstwas würde ich zwei stunden anstehen, wenn es in berlin von kebabs nur so wimmelt.
    aber okay, sowas kennt man ja auch, wenn z.b. das neue iphone herausgebracht wird – da schlafen die leute vorm apple-laden…
    ich würde in diesem zusammenhang asterix zitieren: „die spinnen die… (berliner?)“

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  11. schön, dass du bei mir vorbei schaust. auf meinem blog muss man nicht schlange stehen…
    ja, es handelt sich wohl um ein psychologisches phänomen – den herdentrieb. und dazu kommt bei vielen die neugier. schließlich, wenn sie nach 2 stunden schlangestehen ihren döner oder sonstwas haben, muss er zwangsweise auch gut schmecken.

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  12. Hallo boMA, zwei Stunden würde ich mich auch nicht anstellen. Fraglich, ob ich überhaupt eine halbe Stunde in Kauf nehmen würde, um ein bestimmtes Eis oder einen bestimmten Döner zu kaufen. Geschweige denn vor einem Laden zu schlafen, um als erste ein stylisches Handy zu ergattern.

    Aber ich kann verstehen, wenn andere Leute sich Zeit nehmen (können), um in einer Warteschlange auf zu warten.

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  13. Schlange stehen wird nie zu meinen Lieblingstätigkeiten gehören. Auf Behörden, am Postschalter, in der Bank, im Reisezentrum der DB, im Supermarkt oder vorm Freibad muss ich es oft in Kauf nehmen, was ich ärgerlich genug finde.
    Dass es eine Spezies gibt, welche freiwillig stundenlang für eine Sache, die man eigentlich nicht notwendigerweise braucht, ansteht, ist in meinen Augen ein Faszinosum bzw. ein Phänomen.
    Ebensowenig kann ich z.B. die Verehrung von Popidolen nachvollziehen.
    Wir Menschen sind absolut komische Tiere…
    Ich vertrödele jede Menge Zeit, wenn der Tag lang ist – aber sicher nicht mit Schlange stehen.

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