Die Welt – ein Durcheinandertal

(…) Gott wurde zu einer bloßen Idee (…) wieder spielte ihm die Theologie einen Streich: Sie idealisierte den Sohn Gottes. Die Huren und Zöllner wurden ihm weggedacht, bei denen er sich wohlgefühlt, deren Witze und Zoten er gehört und auch darüber gelacht hatte, er wurde nie als Mensch ernst genommen, sondern nur als Gott, der den Menschen spielte, weil er ein Gott war, der nie bei Weibern liegen durfte (…) Gottes Sohn wurde etwas Abstraktes, abstrakter noch als der Vater, aber auch etwas Kitschiges, ein Marzipanheiland am Kreuz (…) denk dir keinen Gott mehr aus, dann brauchst du dir auch keine Hölle auszudenken. Der Mensch braucht den Menschen und keinen Gott, weil nur der Mensch den Menschen begreift (…) Bei einem Physiker hatte er einmal gelesen, wenn die Wirklichkeit reden könnte, so würde sie keine physikalischen Formeln aufsagen, sondern ein Kinderlied singen, und so dachte er, wenn Gott sich zeigen könnte, wäre er etwas völlig Unbegreifliches, Abstruses wie das Paket Kaffee Oetiker Fr. 10.15 (…) die Welt war ein ständig anwachsendes, von ineinandergeschachtelten Weltallen gebildetes Welthirn, dessen einzelne Neuronen wiederum aus ineinandergeschachtelten Weltallen bestanden, deren jedes aus einem Ich bestand, das dieses Weltall dachte samt den Galaxien, Sonnen und Planeten, die es brauchte, um die Evolution in Gang zu setzen, die auf dem Weg über Einzeller, Vielzeller, Weichtiere, Wirbeltiere den Menschen erzielte, der in einem phantastischen Zirkelschluß wiederum das Weltall dachte und einen Gott, einen hundertköpfigen oder tausendfüßigen, einen vielnasigen oder einen aus Holz oder aus Gold, oder eine vielbrüstige Göttin, so viele Götter wie Weltalle (…)
zitiert aus den letzten Seiten Dürrenmatts Roman „Durcheinandertal“

5 Gedanken zu “Die Welt – ein Durcheinandertal

  1. Ach du meine Güte, das war heute Gott, der Tausenfüssler der mir zwischen den beiden Tomatenstauden untergekommen ist und sich zwischen der Mulchschicht verkroch? Wenn ich das gewusst hätte, dass das der tausendfüßige Gott ist! Dann hätte ich … hm … hm … … ja … einen Augenblick der Erleuchtung erhaschen können. Oder zumindest den Tausenfüßler an einem seiner vierhundert Haxn 😉

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  2. ja, da ist was dran. lohnt, sich damit auseinander zu setzen. jeder mensch – eine welt für sich. milliarenden menschen auf der erde – milliarden welten.
    da wundere ich mich um so mehr, dass so etwas wie konversation zwischen zwei menschen, zwischen zwei welten, überhaupt möglich ist und dabei auch noch das gefühl entsteht, einander zu verstehen.

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  3. francois lelord bzw. dieses buch sagt mir nichts.
    ja, die liebe kann schon ein ziemliches durcheinandertal sein.

    ich glaube, dass jeder mensch für sich ein universum ist, welches aber nach außen mit vielen vielen anderen universen sinnlich und gedanklich vernetzt ist.
    ich würde sogar sagen, dass ein universum für sich allein total sinnlos ist – erst in der vernetzung mit der „außenwelt“ erlangen wir bedeutung und sinn. oder aber wir müssten in uns selbst zu vielen teilen zerfallen, die dann ihrerseits zu universen würden…

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