Die Zeit ritzt

Es klopft an meiner Tür. Eigentlich erwarte ich niemanden. Selbst die Zeugen Jehovas kommen nicht mehr.
„Ich bin der Zeitbote“, sagt eine androgyne Gestalt, die in schlichtem Grau gekleidet ist.
„Ah ja.“
„Ich habe hier eine Eilsendung für Sie.“ Er greift in eine Tasche seines Anzugs, die vorher nicht da war und überreicht mir ein Papier, das nicht mehr als ein Papier ist – auf den ersten Blick. Ich nehme es wie konsterniert entgegen und stottere: „Danke.“ Der Zeitbote lächelt und löst sich vor meinen Augen auf. Das kahle Geäst vibriert im Sonnenlicht. Ich stehe noch kurz im Türrahmen und nehme ein paar tiefe Atemzüge. Der Boden für den Frühling ist bereitet. Die Luft schmeckt frisch und erdig.
Am Schreibtisch falte ich das Papier auseinander. Verrückt, aber es lässt sich immer weiter auseinander falten, ohne dass es größer wird. Ich schaue auf meine Handlinien, die mit den Falten des Papiers zusammenwachsen… Meine müden Augen schließen sich. „Alles ist gut“, denke ich, „der Traum ist wahr.“
Schlafwandlerisch packe ich meine Reisetasche. Der Zug nach Berlin geht morgen 11 Uhr 40.

8 Gedanken zu “Die Zeit ritzt

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