Vor der Nachtwache

Der Mensch ist keine Bio-Maschine. Der Mensch ist mehr als eine Zellanhäufung. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Ich schlief so lange, dass ich erst 90 Minuten, bevor mein Bus wieder zum Nachtdienst fährt, aufwachte.
Es dämmert. Ich blicke durch das Fenster auf den blasser werdenden, blauen Himmel. Es muss ein schöner Tag gewesen sein.
Aufwühlende Träume. Von meinen Eltern und meiner Heimatstadt. Großes Durcheinander. Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck der Traumerlebnisse. Ich träumte vom Sterben meiner Eltern. In wenigen Tagen jährt sich der Tod meines Vaters. Das Meer der Zeit schluckt alles …, an den Stränden unseres Alltags finden wir die skurrilen Überreste … der eigenen Vergangenheit.
Gestern verstarb im Altenheim eine alte Frau. Es war zu erwarten. Neben der Trauer hatte man das Gefühl der Erlösung. Was ist das noch für ein Leben, das kaum noch am Leben Teil nehmen kann, in völliger Abhängigkeit zu unseren pflegenden Händen?
Letztendlich schluckt das Meer uns alle. Wir sinken hinunter in Tiefen voller bizarrer Erscheinungen, dort, wo kein Licht mehr vordringt und die Zeit still steht.

4 Gedanken zu “Vor der Nachtwache

  1. hallo bon, magst du lieber frühdienste als nachtdienste? mir kommt es vor, als würde dich ein nachtdienst immer in eine art krise stürzen. so liest es sich jedenfalls.
    einen satz hab ich übrigens nicht verstanden, und zwar den hier: Ich schlief so lange, dass ich erst 90 Minuten, bevor mein Bus wieder zum Nachtdienst fährt, aufwachte.
    ? wie lange hast du geschlafen? 🙂
    jedenfalls wünsche ich dir einen angenehmen dienst. das wiederholte abschiednehmen-müssen in deinem beruf würde mir zu schaffen machen.
    alles liebe, s.

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  2. hallo sehnsucht,
    ich freue mich über deinen blog-besuch.
    wenn ich nachtdienst habe, gehe ich morgens ins bett und stehe meist am frühen nachmittag auf. gestern (nach meiner vierten nacht) war ich schon umgestellt und wohl auch so groggy, dass ich bis in den frühen abend hinein schlief. auf der einen seite gut, weil ich dadurch ausgeruhter war, aber auf der anderen seite hatte ich überhaupt nichts vom tag – da war nur arbeit und schlafen.
    der nachtdienst hat einige spezifische belastungen (wie die ständige umstellerei von tag auf nacht), aber es gibt auch einige gründe, warum ich ihn dem tagdienst vorziehe.
    ich würde nicht sagen, dass ich regelrecht durch den nachtdienst in krisen stürze. es kommt vor, dass ich nach einem nachtdienst-block in ein emotionales loch falle … ja schon – es gibt eben nichts perfektes. die altenpflege an sich als beruf ist ein schwerer brocken und nicht immer einfach zu verkraften.
    danke für die guten wünsche. diese nacht war vorerst mein letzter dienst. frei und urlaub winken!
    dir eine schöne woche!

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