Samstagnachmittagsloch

Mir ist gerade, als wäre mir alles gleichgültig. Das Problem ist, ich lebe. Die Gleichgültigkeit ist eine Wüste aus Gummibärchen oder aus allem anderen – da es völlig gleichgültig ist. Die Gleichgültigkeit ist gepaart mit Lustlosigkeit und Langeweile. Ein hervorragendes Trio. Sie sind topfit und machen ihren Job heute besonders gut. Eigentlich sollte ich darüber glücklich sein. Aber ich weiß, dass dieser Zustand lediglich ein Loch im Gewebe des Lebens ist – etwa wie ein Loch, das einem die Motten in den Lieblingspulli fressen. Glücklich könnte ich sein, wenn um das Loch herum auch nichts mehr wäre. Das wäre dann das Nirwana. Aber ich sitze lediglich in diesem scheiß Loch oder in dieser Wüste der Gleichgültigkeit an einem scheiß normalen Samstagnachmittag. Alle sieben Tage gibt es einen Samstagnachmittag. Natürlich könnte ich eine Menge tun. Aber ich will nicht. Es gibt keine Notwendigkeit zu gar nichts. Meist verfalle ich in diese Lethargie nach den Nachtdiensten, wenn ich ein paar Tage frei habe. Ziellos blubbere ich vor mich hin wie ein Goldfisch in einem Goldfischglas mit sonst nichts. Es ist ungeheuer spannend.
Ein Rest Humor bleibt mir immer. Das Goldfischglas wackelt nämlich leicht.
Apropos: Gestern las ich ein im aktuellen Stern ein Interview mit Gregor Gysi, und Gregor Gysi erzählte auf eine Frage hin einen jüdischen Witz (keinen Judenwitz) – wegen der tollen Dialektik bzw. Logik darin. Und den notierte ich mir. Ich will ihn euch nicht vorenthalten:
Kommt ein Jude nach Hause und erzählt seinem Bruder, er habe den Rabbi gefragt, ob er beim Beten rauchen darf. Der Rabbi habe entrüstet Nein gesagt. Daraufhin der Bruder: „Du bist so ein Idiot. Du hättest den Rabbi fragen sollen, ob du beim Rauchen beten darfst. Das hätte er dir sofort erlaubt.“
Gut, oder? Vieles im Leben ist eine Frage der Perspektive. Man sieht denselben Gegenstand plötzlich anders. Fantastisch. Eigentlich total simpel. Trotzdem tun wir uns damit im Leben oft unendlich schwer. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wir können kaum etwas gegen das Brett vorm Kopf tun. Vielleicht noch ein paar Nägel reinhauen, damit es auch schön fest sitzt.
Ich stelle mir eine Fußgängerzone vor, durch die alle Menschen mit Brettern vorm Kopf strömen. Zu breit dürfen die Bretter nicht sein. Stellt euch das mal vor.
Nein. Es ist völlig wurscht. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Nichts als Irrsinn. Alles Mache.
Wir dürfen uns alles einbilden – und danach leben. Wir können uns alles erlauben. Ein jeder in seinem Goldfischglas. (Dass meines leicht wackelt, ist eine Gnade.)

12 Gedanken zu “Samstagnachmittagsloch

  1. welche Perspektive Hallo Bo.,
    ja..es ist schon seltsam, welche Gefühlswelten unser Innenleben erzeugen kann. Gleichgültigkeit…alles ist gleich, alles ist einem gleich oder egal. Zum Glück dauert dieser Zustand nur kurz an und wird durch einen Gefühlszustand ersetzt.
    Wie es wohl sein mag, wenn sich die Gleichgültigkeit mit der Aktivität paart Was mag da wohl rauskommen ? 😉

    Zur Zeit lese ich das Buch Die Kunst des klugen Handels, darin deckt der Verfasser in kurzen Abschnitten und leicht nachvollziehbar solche Phänomene auf, wie du über den von Gysi erzählten Witz aufgezeigt hast.

    Alles ist ein Frage der Perspektive, da fragt sich, welches ist die richtige Perspektive?

    Momentan beobachte ich eine sonderbare Perspektive bei Menschen, die sich zum Schumi-Unfall äußern. Während der Unfall mit der Schwere für mich ein Rätsel ist, denn Schumi nahm ich die ganzen Jahre über als sehr besonnen vor. Die Fragezeichen in meinem Kopf haben sich noch immer nicht aufgelöst.
    Für einen großen Teil der von mir befragten sagten ohne Umschweife „Selber Schuld. warum rast er von der Piste“ Mir fielen fast sie Augen raus. Hab ich mich in meiner Wahrnehmung all die Jahre geirrt ? Erstaunlich, wie schnell ich an meiner Wahrnehmung zweifeln kann. „Aber er war ja nur in Abseits der Piste, weil er jemand helfen wollte. Als der wieder auf die Piste wollte, traf er mit den ersten Schwung der Stein, der ihm zum Verhängnis wurde“

    Aber es war zu spät, ihre Meinung stand unwiederbringlich fest, alles anderen Nachrichten über den Unfallhergang wäre nur eine Schadensbegrenzung, damit das Image von Schumi keinen Schaden nimmt. Da fielen mir noch einmal die Augen fast aus dem Kopf.

    Alles ist eine Frage der Perspektive.

    Für mich überraschend jedoch, dass ich mehr Anteil an seinem Schicksal nehme, als ich es vor dem Unfall gedachte hätte.

    LG LaWe

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  2. schumi hätte ebenso in der badewanne ausrutschen können.
    viele menschen sind sehr schnell voreingenommen, weil sie dumpfbackig alles nur in ihre „perspektive“ oder in ihre „kleine welt“ einbauen.
    alles soll stimmig sein. informationen, die diese „harmonie“ stören, werden ignoriert. manchmal können menschen gar aggressiv werden, wenn man ihnen fakten zeigt, die ihre weltsicht stören …
    dummheit zieht sich gegenseitig an. intelligenz verfügt leider nicht über solche anziehungskräfte.

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  3. die paarung von gleichgültigkeit und aktivität schließt sich meiner meinung nach aus.
    jede aktivität benötigt einen antrieb, der aber bei völliger gleichgültigkeit nicht vorhanden ist. drum bin ich froh, dass mein goldfischglas wackelt.

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  4. Wenn ich das anmerken darf: Dass Schumi die ganzen Jahre als besonnen wahrgenommen wurde, ist für diesen Unfall aber ebensowenig relevant wie umgekehrt die Tatsache, dass er als Rennfahrer den Rausch der Geschwindigkeit genossen haben muss (denn sonst wird man sowas nicht, denke ich).

    Aber vielleicht sollte ich gar nichts sagen, denn das verzerrt angezeigte Wort sagt „knit“ … also gut, ich geh stricken 😉

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  5. Kaum zu glauben, aber wahr 😉

    Die Sache ist die: Die Nachtspeicherheizung hier bringt es mit sich, dass das Haus nachts aufgeheizt wird – am wärmsten ist es um zwei Uhr nachts! Deshalb beschäftige ich mich oft bis nach Mitternacht … tagsüber muss ich nachheizen, wenn ich stundenlang stillsitzen will 😉

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  6. voll Vertrauen Hallo IGING,
    alles was Mann oder Frau glaubt oder wahrnimmt, ist immer umstritten. Ich z.B. sah Schumi in erster Linie nicht als Raser, sondern als Perfektionist, der seine Perfektion unter rasend schneller Geschwindigkeit auf den Prüfstein stellte. Die Rennfahren werden isoliert vom öffentlichen Straßenverkehr und mit besonders gut geschützten Fahrzeugen gefahren.
    Im normalen Straßenverkehr fuhr er sicher normal und verantwortungsvoll und dies sehe ich für seinen Skilauf auf der Piste.

    Ich würde sagen, das vertraue ich Schumi zu 100 % und galube dabei nicht, das er sich auf der Piste verantwortungslos sich selbst gegenüber verhalten hat.

    Aber wie gesagt…das ich meine Wahrnehmung und darauf aufbauend mein Vertrauen 😉

    LG LaWe

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  7. nichts geht mehr Hallo Bo,
    hab mal nachgelesen, was WIKIPEDIA dazu sagt:
    „Ein gleichgültiger Mensch hat keine oder versagt sich eine eigene Meinung, bildet sich kein Urteil, bewertet nichts und unternimmt keine Handlungen, um offensichtlich ungerechte oder unethische Zustände zu ändern. Er zeigt weder positive noch negative Gefühle zu bestimmten Dingen oder Vorkommnissen. Sein Denken ist gewissermaßen egozentrisch, jedoch nicht aus Bosheit, sondern aus Desinteresse und einer gewissen Abgestumpftheit. Vereinfacht ausgedrückt kann man feststellen: Der gleichgültige Mensch bekommt nur wenig mit und bemerkt nur das, was ihn direkt interessiert und persönlich tangiert. Alles andere geht an ihm vorbei.“

    Aktivitäten sind von einem gleichgültigen Menschen auch nicht erwarten, also ist auch eine Kombination mit der Gleichgültigkeit kaum möglich.

    LG LaWe

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  8. lawe, ich brauche nicht bei wikipedia nachlesen, was „gleichgültigkeit“ bedeutet.
    wenn ich immer gleichgültig wäre, müsste ich mir die kugel geben. mist! nein, das wäre dann auch nicht mehr möglich …
    ich habe manchmal solche phasen, wo mir wirklich alles gleichgültig erscheint. woran das liegt, weiß ich nicht genau.
    ich denke mal drüber nach.

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  9. @ BoMa 15:15
    Was für eine Frage unter dem Thema „Gleichgültigkeit“! ;-)))))
    Was ich stricke, ist tatsächlich ziemlich gleichgültig, da ich nur Wollreste und Einzelknäuel zusammenstricke zu etwas, was vielleicht mal eine Decke wird, wenn genug zusammenkommt.

    @ LaWe
    Zumindest wirkt(e) er tatsächlich immer sehr besonnen und verantwortungsbewusst, da stimme ich zu.

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  10. eine wollrestedecke als strick- und antigleichgültigkeits-therapie nach mitternacht.
    finde ich besser als briefmarkensammeln oder modellbasteln.
    einige alten damen im altenheim stricken abends immer topflappen.

    was schumi angeht: hinterm steuer seines rennwagens konnte er aber schon zur sau werden.

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